Der Sonntagmorgen war noch unschuldig und spätsommerlich kühl, als Vizeregierungschef Theodoros Pangalos im größten griechischen Privatsender Mega-TV auftrat. Er habe nicht viel zu sagen, schließlich sei die Regierung erst weniger als eine Woche im Amt, begrüßte Pangalos die Zuschauer zur Frühstücksstunde.

Aber eines wolle er loswerden, sagte der von Premier Giorgos Papandreou zum Koordinator der gesamten Regierungsarbeit bestimmte Mann: Er wisse gar nicht, wie er seine Aufgabe erfüllen solle, denn aus vielen Ministerien seien von den Vorgängern Archive, Datenspeicher, Laptops und Handys fortgeschafft worden. "Unsäglich", nannte Pangalos diese "Verschwendung von Volksvermögen".
Allein auf ein paar Wertgegenstände dürften es die abgewählten Minister der konservativen Nea Dimokratia kaum abgesehen haben. Die Regierung von Kostas Karamanlis war in eine Fülle von Skandalen verwickelt. So entsteht nun der Verdacht, dass womöglich mit Computerfestplatten auch belastendes Material beiseite geschafft wurde. Die Zeitung To Vima hatte schon vor Pangalos' Wutanfall ein Foto des Büros des bisherigen Finanz- und Wirtschaftsministers Giannis Papathanassiou veröffentlicht. Kein Buch war da im Regal, kein Zettel auf dem schweren dunklen Schreibtisch.
Datenträger sollen auch im staatlichen Statistikamt fehlen, das unter der Regierung der Nea Dimokratia "regelrecht zur Filiale" des Finanzministeriums geworden war, wie ein Kenner sagt. Der Datenverlust dort wäre von besonderer Bedeutung, weil Griechenland schon lange vorgeworfen wird, Daten über das eigene Staatsdefizit geschönt zu haben.
In der Euro-Zone soll es drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts nicht überschreiten. In der gegenwärtigen Finanzkrise verletzten viele Länder diese Vorgabe, aber Griechenland dürfte mit einem Defizit zwischen zehn und zwölf Prozent, wie es der Zentralbankgouverneur nun annimmt, 2009 klarer Spitzenreiter sein. Dass ihr Staat zahlungsunfähig ist, diesen Eindruck hatten zuletzt schon zahlreiche Beamte, Lehrer etwa, die monatelang nicht bezahlt wurden.
Am vergangenen Montag, dem Tag nach der Parlamentswahl, hatten Mitarbeiter des Finanzministeriums gar Journalisten angerufen und sie auf Lastwagen aufmerksam gemacht, die vor dem Gebäude parkten - angeblich um Akten wegzuschaffen. Sogar im Büro des Premiers fand die Sekretärin weder Fax- noch Internetanschluss vor. So hatte sich die linksgerichtete Pasok-Regierung den Neuanfang nicht vorgestellt. Allerdings soll sich die Pasok nicht viel besser benommen haben, als sie 2004 das Feld der Nea Dimokratia überlassen musste. Jedenfalls behauptet dies nun Ex-Finanzminister Papathanassiou, der aber gleichzeitig versprach, er werde einen mitgenommenen Laptop ersetzen, den ihm das Ministerium gekauft habe.
Ein paar Akten müssen doch noch da gewesen sein. Man habe Mahnbriefe der EU gefunden, die von den Vorgängern nicht mehr veröffentlicht worden seien, schrieb die griechische Presse. Michalis Chrysochoidis, der ein neues Ministerium für Bürgerschutz (das frühere Innenministerium) führt, blickte ebenfalls nicht auf völlig leere Wände. Aber was er fand, gefiel ihm nicht. Er ist auch für die Feuerwehr zuständig. Wenn er sich in seinem Amt so umschaue und umhöre, müsse er sich wundern, sagte Chrysochoidis, dass in diesem Sommer "nur halb Attika abgebrannt ist" - und nicht das ganze Land.