Süddeutsche Zeitung

Griechenland:Griechenlands blinder Innenminister: "Haben Sie Hoffnung"

Panagiotis Kouroumblis kann nicht sehen, doch er behält politisch auch dann den Überblick, wenn andere das Vertrauen verloren haben.

Panagiotis Kouroumblis sieht nicht, aber er hört alles. Er kennt das Gerede. Wieso hat er nur immer so schöne Frauen um sich? Das kann doch kein Zufall sein. Die schwarze Sonnenbrille, die er auch im Büro nie abnimmt - nur Show vielleicht? Er hat auch keinen Blindenstock. Mitleid will er sowieso keines.

Panagiotis Kouroumblis hat Plätze im Dionysos reserviert. Das war der Gott des Weines, des Rausches. Das Restaurant liegt zu Füßen der Akropolis. Die Nachmittagssonne steht tief. Als sei sie heute nur aufgegangen, um die Akropolis anzustrahlen. Von der Terrasse des Restaurants haben außer Kouroumblis alle einen spektakulären Blick. Stil hat er also auch.

Kouroumblis stochert mit der Gabel auf seinem Teller. So unauffällig wie möglich hat Ioanna Skondra, seine junge Assistentin, ihm das Besteck zugeschoben. Sie hat ihm auch drei Oliven auf den Teller gelegt. Für Kouroumblis beginnt jetzt ein Suchspiel. Diesmal geht es so aus: Zwei von drei Oliven gefunden, als das Slow-Food-Lamm gebracht wird. Kouroumblis spürt den Kellner an seinem Oberarm. Er weicht mit dem Oberkörper ein paar Zentimeter zurück, um Platz zu machen.

Die Leute mögen glotzen. Sie mögen reden. Die Frage lautet ja: Wer hat hier tatsächlich nicht alle Sinne beisammen?

Man könnte es sich einfach machen und auch ein bisschen böse sein. Die Griechen mal wieder: Haben die Schuldenkrise nicht kommen sehen. Sind mit der Flüchtlingskrise überfordert. Und dann macht Premier Alexis Tsipras auch noch einen Blinden zum Minister. Typisch.

Kouroumblis ist auch Chef der griechischen Migrationsbehörde

Kouroumblis ist Innenminister. An seinen Polizisten lassen die Bürger gerade ihren Ärger über das neue Sparprogramm aus, das Tsipras - der einmal als Antisparer angetreten war - von seinen Verhandlungen in Brüssel mitgebracht hat. Mit Hirtenstöcken schlagen die Bauern auf Polizeiautos ein. Die Migrationsbehörde untersteht Kouroumblis auch. Dafür hat er - wie für die Polizeiabteilung - eigens einen Stellvertreter.

Krise überall. Unterwegs mit einem, der mit jeder Faser seines Körpers ausstrahlt: Stellt euch bitte nicht so an. Doch in Ruhe mittags essen? Das geht nicht einmal in Dionysos' Reich. Selbst für die Sehenden am Tisch taucht die Frau aus dem Nichts auf. Roter Schal, rote Brille, roter Lippenstift. In den Fünfzigern vielleicht. Sie kommt gleich zum Punkt: 30 Jahre lang habe sie in Athener Ministerien gearbeitet. Vor zwei Jahren wurde sie rausgeschmissen. Jetzt will sie von Kouroumblis wissen, ob sie Hoffnung haben kann, dass ihre Rente nicht noch einmal gekürzt wird.

"Haben Sie Hoffnung!", sagt er. Die paar Worte genügen der Frau schon. Keine Wut in ihrer Stimme, keine Vorwürfe. Eine Vergewisserung nur, mehr wollte sie nicht. Das erlebt man selten, wenn man in Griechenland mit Politikern unterwegs ist. Am Haus von Minister-Kollege Alekos Flambouraris haben sich Unbekannte gerade mit Molotowcocktails abreagiert.

Kouroumblis hatte ein gutes Gefühl, als er Tsipras' Hand drückte

Tsipras hat Kouroumblis einen schwierigen Job übertragen. Die beiden Männer haben sich gegenseitig eine Chance gegeben, wenn man so will. Kennengelernt haben sie sich 2011 am Rande einer Beerdigung des Alt-Linken Leonidas Kyrkos. Kouroumblis war gerade von seinen Pasok-Sozialisten aus der Partei geworfen worden, weil er gegen die Sparpolitik gestimmt hatte. Tsipras war Oppositionspolitiker, seine Syriza noch eine Vier-Prozent-Partei.

Kouroumblis hatte ein gutes Gefühl, als er Tsipras' Hand drückte und seine Stimme hörte. Darauf verlässt er sich. In seinem ersten Kabinett machte Tsipras den Blinden zum Gesundheitsminister. Dann kam der politisch heiße Sommer 2015, in dem Tsipras sein Versprechen aufgeben musste, die Sparpolitik zu beenden. Danach hatte er auch in den eigenen Reihen nicht mehr viele Unterstützer. Kouroumblis blieb loyal. Trotz allem. Nach der Neuwahl im September beförderte Tsipras ihn.

Kouroumblis kennt den Sound der Krise

Kouroumblis trifft Leute, die seine Hand nicht mehr loslassen wollen und andere, die zögern, sie ihm zu geben, es aber dann doch tun. Wer verweigert einem Blinden die Hand, wenn er danach verlangt? Deshalb hat Tsipras ihn ausgewählt. Dieser Mann kommt auch dann noch weiter, wenn andere längst das Vertrauen verloren haben. Für das operative Geschäft im Ministerium, für die Auseinandersetzungen mit der schwierigen Polizeiabteilung hat Kouroumblis seine Vizes, mit Nikos Toskas sogar einen früheren General.

Kouroumblis lässt sich von der Krise berühren. Er kennt ihren Sound. "Ihr Klang ist traumatisierend", sagt er. Er kennt den erdigen Aufschrei der Bauern. "Viel heißer, viel tierischer, als wenn Beamte auf die Straße gehen", findet er. Die Bauern haben nie das Sicherheitsgefühl der Beamten erlebt. Die Bauern wissen nicht, wie die nächste Ernte wird. Wenn jetzt der Staat wie ein Unwetter über sie hereinbricht, dann gnade dem Land Gott. Über den "Protest in Krawatten" - jenen der Anwälte, die sich gegen steigende Beiträge für die Sozialversicherung wehren - amüsiert sich Kouroumblis hingegen. Er ist selbst Anwalt. "Es ist gut, dass sie auf die Straße gehen. Das tut ihnen gut, ein paar Kilos abzunehmen." Er muss aber jetzt auch wieder raus auf die Straße. Nächster Termin. Draußen wartet sein schwarzer Jeep Cherokee mit laufendem Motor.

"Er ist über alles informiert"

Auch Kostas Kousaris, 28 Jahre alt, wartet. Er sitzt im zweiten Wagen. Er ist Personenschützer. Es ist das erste Mal, dass der Polizist auf einen Blinden aufpassen muss. "Das Schwierigste ist, ihn vor Unfällen zu schützen." Und die aufgebrachte Menge? Die beruhige sich ganz schnell, wenn Kouroumblis auftaucht. Kousaris steht immer links vom Minister. Ihre Oberarme berühren sich. Das genügt Kouroumblis. Er will nicht gestützt werden, das sieht nach Schwäche aus. Er will nur sicher sein, wer neben ihm steht. Nur einmal hatte Kousaris Angst um seinen Chef, als ein Hund auf Kouroumblis zustürmte. Da hatte er die Hände am Abzug seiner Waffe.

Die Kolonne ist am Ziel: "Griechische Welt" steht an der Fassade des Kulturzentrums. Emmanuel Sfakianakis, Chef der Abteilung Cyber-Kriminalität, stellt gleich sein neues Buch vor. Kouroumblis lässt sich von seiner Assistentin in Reihe sechs führen. Eigentlich ist nicht vorgesehen, dass Kouroumblis zu den Gästen spricht. Aber dann hebt er den Arm und lässt sich ans Podium führen. "Meine Damen, meine Herren, ich konnte der Versuchung nicht widerstehen." Er frage sich, ob sein Mitarbeiter mehr in den Job als in seine Frau verliebt sei. Das Buch sei "ein Werk der Seele".

Cyber-Kriminalist Sfakianakis hat kein Problem damit, einen Blinden als Chef zu haben. "Ich habe 19 Minister kennengelernt. Kouroumblis ist der produktivste", sagt er. "Er ist über alles informiert."

Er erblindete, weil eine deutsche Handgranate neben ihm explodierte

Kouroumblis kommt aus einem Dorf in Westgriechenland. 1961 spielte er mit Freunden an einem Fluss, an dem die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg eine Brücke gesprengt hatten. Sein Freund fand im Boden eine Granate. Sie explodierte. Der Freund starb. Kouroumblis erblindete. Heute sagt er: "Wenn diese Handgranate mich nicht töten konnte, was dann?" Er studierte, er demonstrierte, er lehnte sich gegen die Militärdiktatur auf. Er baute Blinden-Organisationen auf und ging in die Politik. Er heiratete und hat zwei Kinder. Seine Mitarbeiter bewundern ihn.

Panos Stenos, 41, roter Pulli und Sportrucksack, begleitet ihn auf Auslandsreisen. Er arbeitet seit 2012 für Kouroumblis, als er noch Lobby-Arbeit für Blinde machte. Einmal waren sie zu zweit auf einem Kongress in Paris. Stenos dachte, das kann ja was werden. Jetzt müsse er Kouroumblis die ganze Zeit bemuttern. Aber der Politiker machte die Hotelzimmertür hinter sich zu. Man sah sich frisch rasiert am nächsten Morgen wieder. Stenos half nur, die Krawatte zurechtzuzupfen.

In Kouroumblis Job brennt es. Nur Feuer sieht man nicht

"Er eröffnet dir eine völlig neue Welt", sagt Ioanna Skondra. "Wenn du denkst, es geht nicht mehr, dann schau ihn an." Kouroumblis' Assistentin ist 26. Sie hat studiert, Internationale Beziehungen. Sie fängt an, wenn der Chef morgens anfängt. Schluss ist, wenn er Schluss macht. Ihr bleibt kaum Zeit, Freunde zu sehen. Viele von ihnen sind arbeitslos. Sie leben genau unter den Umständen, die Tsipras und seine Regierung versprochen hatten abzuschaffen. Nun spart diese Regierung weiter Milliarden ein.

Es ist nach 21 Uhr. Kouroumblis hat noch Termine. Zwei Feuerwehrleute sind zu Gast. Es gibt Probleme bei der Ausbildung des Nachwuchses. Makis Tsiougris, 45 Jahre alt, Kapuzenpulli, trägt sein Anliegen vor. Kouroumblis hört zu, greift zum Hörer und ruft den zuständigen Generalsekretär an. Als er auflegt, bekommt Makis Tsiougris das Versprechen, dass er sich kümmern werde. Nach zehn Minuten ist der Termin vorbei. "Mich hat beeindruckt, dass er gleich versucht, eine Lösung zu finden", sagt Tsiougris. Ob er sich vorstellen könnte, bei der Feuerwehr unter einem blinden Chef zu arbeiten? "Unmöglich", sagt er. "Wir haben große Brände, wie sollte er da den Überblick behalten." In Kouroumblis Job brennt es auch, denkt man. Nur Feuer sieht man nicht.

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SZ vom 01.03.2016/cmy
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