Griechenland "Die Reparationsfrage ist nicht erledigt"

Deutsche Soldaten im Juni 1944 nach einem NS-Massaker im Süden Griechenlands, bei dem 218 Bewohner des Dorfes Distomo erschossen wurden.

(Foto: dpa)

Es kursieren gewaltige Zahlen für mögliche Reparationsforderungen Griechenlands. Der Historiker Karl Heinz Roth findet sie gefährlich, weil sie die Geschichte der Besetzung zu einem Abwehrreflex verdichten.

Interview von Hans von der Hagen

Bundespräsident Steinmeier ist auf Staatsbesuch in Griechenland. In seinen Gesprächen mit Präsident Prokopis Pavlopoulos und Premier Alexis Tsipras kamen auch die umstrittenen griechischen Reparationsforderungen zur Sprache. Berlin hält Reparationen für erledigt, Athen nicht. Summen von mehreren Hundert Milliarden Euro stehen im Raum. Hat Griechenland einen Anspruch darauf? Antworten gibt der Historiker Karl-Heinz Roth. Er forscht seit mehr als 40 Jahren zur Geschichte der NS-Dikatur und Okkupationspolitik in Europa. 2017 veröffentlichte er zusammen mit Hartmut Rübner ein vielbeachtetes Buch zum Thema Reparationen, das in Kürze auch auf Griechisch erscheinen wird.

SZ: Herr Roth, schon bei seinem letzten Besuch sagte Bundespräsident Steinmeier, dass das Thema Reparationen für Deutschland völkerrechtlich abgeschlossen sei. Griechenland sieht das anders. Wer hat Recht?

Karl Heinz Roth: Die griechische Seite hat Recht - die Reparationsfrage ist nicht erledigt. Sie war durch verschiedene Abkommen vertagt worden auf einen Friedensvertrag. Dieser De-facto-Friedensvertrag wurde 1990 mit den vier alliierten Mächten geschlossen - der 2-plus-4-Vertrag. In ihm wurde die Reparationsfrage ausgeklammert. Die nicht am Vertragswerk beteiligten kleineren Verbündeten der vier alliierten Mächte wurden nicht gehört. Darum bestehen ihre Ansprüche auf Reparationen nach wie vor uneingeschränkt.

Aber die deutsche Seite argumentiert gern, dass die Forderungen schon seit 1960 erledigt seien. Warum das?

1960 wurde ein sogenanntes Globalabkommen mit Griechenland geschlossen. Es war ein Wiedergutmachungsvertrag, bei dem Griechenland 115 Millionen Mark zur Verteilung an die NS-Opfer bereitgestellt wurde. Sie kamen einer Gruppe von mehr als 100 000 Menschen zugute. Das heißt, im Durchschnitt gab es Einmalzahlungen von gut 1000 Mark - also nur ein Almosen. Das entscheidende Gegenargument gegen die offizielle deutsche Position ist, dass Griechenland in einer Zusatznote zu diesem Vertrag ausdrücklich erklärte, dass die Reparationsansprüche durch die Wiedergutmachung nicht betroffen seien. Es gab daneben auch minimale Zahlungen im Rahmen der ersten Reparationsfrage von 1946 bis 1951. Aber die wirklichen Entschädigungsforderungen Griechenlands sind dadurch nicht tangiert.

Besteht ein Unterschied zwischen Wiedergutmachung und Reparationen?

Im Grunde nicht. Reparationen sind materielle Entschädigungen für Kriegsverbrechen, die eine Besatzungsmacht während des Kriegs an der Zivilbevölkerung begangen hat. Während der Okkupation in Griechenland sind 350 000 Menschen gewaltsam ums Leben gekommen, mehr als 500 000 sind dauerhaft geschädigt worden. Gut 1000 Ortschaften wurden zerstört, davon (rund?) 100 Ortschaften vollständig. Und in diesen 100 Fällen wurden meistens auch alle Einwohner unter bestialischen Umständen ermordet. Hinzu kamen die wirtschaftliche Ausplünderung des Landes und die Politik der verbrannten Erde beim Rückzug. 80 Prozent der Infrastruktur wurden dabei zerstört.

Wie hoch war die erste Reparations-Forderung der Griechen?

Die erste Summe wurde von der Inter-Alliierten-Reparationskonferenz in Paris Ende 1945 festgelegt - 7,2 Milliarden Dollar im Preisstand von 1938. Diese Zahl wird seither auf unterschiedliche Weise hoch- und in Euro umgerechnet. Je nach Vorgehensweise kommt man dann auf enorme Summen. Der griechische Rechnungshof nennt Summen zwischen 269 Milliarden und 278 Milliarden Euro. Die griechische Politik hat das entsprechende Gutachten allerdings nie publiziert. Es wurde nur als sogenannte graue Literatur in einer Sonderauflage von 1000 Exemplaren von einer Zeitung veröffentlicht und gilt darum offiziell als geheim.

Auf eine Summe von knapp 280 Milliarden Euro kommt man allein durch die Hochrechnung auf das heutige Preisniveau?

Nein, der Rechnungshof hat sie zusätzlich wie ein Darlehen verzinst. Aber selbst wenn für die Fortschreibung der 7,2 Milliarden Dollar nur die Entwicklung der Lebenshaltungskosten angesetzt wird, kommt man auf eine Zahl von etwa 190 Milliarden Euro. Sie ist die Bilanz des Okkupationsterros und zeigt, wie unvorstellbar das Ausmaß der Zerstörung gewesen ist.

Wie viel hat denn Deutschland davon bislang gezahlt?

Gemessen an den 190 Milliarden Euro hat Deutschland nicht einmal fünf Prozent erstattet.

Führen solche Zahlen nicht dazu, dass die Forderung Griechenlands in der Öffentlichkeit und in Berlin von vorneherein als illusorisch abgetan wird?

Sie wecken jedenfalls Ressentiments, darum ist es sehr unproduktiv, immer gleich mit diesen Zahlen zu kommen. Man muss viel zurückhaltender mit ihnen umgehen, weil es solch absurde Kategorien sind. Geschieht das nicht, wird die ganze Okkupationsgeschichte zu einem Abwehrreflex verdichtet und man braucht dann das, was dort wirklich geschehen ist, nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen. Es ist klar: Diese Reparationskosten können nicht vollständig ersetzt werden. Es geht immer nur darum, einen Anteil auszuhandeln, bei dem es dann wirklich auch zu einer materiellen Entschädigung der griechischen Wirtschaft und der Überlebenden und Nachkommen der Okkupationsopfer kommt.

Haben andere Länder ähnliche Probleme mit den Deutschen gehabt?

Ja, Griechenland ist kein Spezialfall. Nicht einmal in der gerade wieder geführten Auseinandersetzung um die sogenannte Besatzungsanleihe, die nach unserer neuesten Schätzung ein Volumen von 720 Millionen Reichsmark hatte und heute vom Rechnungshof wohl auf rund zehn Milliarden Euro beziffert wird. Griechische Historiker haben in den vergangenen 20 Jahren immer wieder als Berater der griechischen Regierung gesagt: 'Lasst doch die Reparationsfrage auf sich beruhen, weil sie so illusorisch ist, konzentriert euch auf die Rückerstattung der Besatzungsanleihe.' Sie behaupteten, dass nur die Griechische Nationalbank gezwungen worden sei, den deutschen Besatzern Kredit zu geben. Doch das stimmt nicht. Die Nationalbanken in den Niederlanden, in Norwegen, der Ukraine, in Polen oder Belgien waren davon genauso betroffen.

Haben diese Länder ihre Kredite zurückerstattet bekommen?

Nein. Sie haben es natürlich genauso eingefordert, aber im Gegensatz zu Griechenland haben zumindest einige dieser Länder einen reibungslosen Wiederaufbau erlebt, darum waren für sie die Reparationsfragen nicht mehr existenziell. Griechenland hingegen wurde nach dem Ende der Besatzung in den Status eines Entwicklungslandes zurückgeworfen und hatte jahrzehntelang unter den Folgen zu leiden - im Grunde bis heute.

Und Deutschland kam mit dieser rigiden Haltung einfach durch?

Nicht immer. Es gab zum Beispiel einige Sonderabkommen mit KZ-Überlebenden und Nachkommen von KZ-Opfern, die einen amerikanischen Pass besaßen. Hier wurden noch in den Neunziger und den 2000er Jahren tatsächlich separate Entschädigungsverhandlungen geführt. Damals hatte das Außenministerium der USA massiv interveniert und es wurden Entschädigungen von im Schnitt mehr als 100000 Dollar gezahlt. Darin zeigt sich eine völlig Ungleichbehandlung gegenüber denjenigen, die tatsächlich Druck auf die Bundesregierung ausüben können. Das ist generell das Problem, das die Bundesregierungen und ihre Expertenstäbe die Reparationsfrage immer in ihr außenpolitisches Kalkül einbezogen haben. Dort wo sie wirklich Nachteile bei weiterer Ablehnung gehabt hätten, dort haben sie nachgegeben. Das ist perfide.

Trägt Griechenland eine Mitschuld daran, dass bislang so wenig Geld geflossen ist?

Jein. Auf der einen Seite trägt das Land keine Schuld, denn alle Regierungen haben bei jeder Gelegenheit erklärt, dass die Reparationsfrage offen sei. Andererseits wurden in der Auseinandersetzung auch erhebliche Fehler gemacht. So wurde etwa die strafrechtliche Kriegsverbrecherfrage mit der zivilrechtlichen, nämlich der Reparationsfrage, vermengt.

Auf welche Weise geschah das?

Es wurde der Versuch unternommen, die Bundesregierung in der Reparationsfrage geneigter zu machen, indem Griechenland Ende der fünfziger Jahre eine Generalamnestie für alle deutschen Kriegsverbrecher erließ. Die Bundesregierung hielt die Generalamnestie für deutsche Kriegsverbrecher in Griechenland für selbstverständlich. Sie war keineswegs bereits, deshalb in der Entschädigungsfrage irgendwelche Zugeständnisse zu machen.

Es lag ja auch nahe, die Reparationsfrage in den Kreditverhandlungen mit der EU zum Thema zu machen. Geschah das?

Es gab zwar solche Bestrebungen, aber der frühere Finanzminister Varoufakis war dagegen und hat sich, soweit ich das überblicke, mit dieser Position auch durchgesetzt. Ich selbst habe da auch inzwischen meine Meinung geändert. Die Reparationen haben eine andere moralische Konnotation und gehören nicht in die Finanzsphäre. Es ist interessant, dass die griechische Regierung erst jetzt, nachdem sie aus dem Troika-Kontext entlassen worden ist, mit dieser Frage neu kommt. Doch nicht erst die Syriza-Regierung, auch schon die konservative Vorgängerregierung unter Nea Dimokratia hatte dieses Thema um 2010 herum auf die Tagesordnung gesetzt hat. Ähnliche Prozesse hat es auch in Polen gegeben - dort ist es ja auch nun wieder ein großes Thema.

Wie geht es nun weiter?

Eine parteienübergreifende Untersuchungskommission des griechischen Parlaments hat - auf Basis des Reparationsgutachten des Rechnungshofs aus dem Jahr 2014 - einen Abschlussbericht erstellt, der seit Sommer 2016 vorliegt, aber bis jetzt unter Verschluss gehalten wurde. Die darin veröffentlichten Zahlen könnten noch höher ausfallen, sofern die Parlamentskommission noch die Entschädigungsforderungen für humanitäre Schäden hinzu addiert. Die griechische Regierung wird wahrscheinlich im November diesen Bericht freigeben und dann offiziell an die Bundesregierung herantreten.

Die wird nicht begeistert sein ...

Aber die Bundesregierung täte gut daran, dann auf Griechenland zuzugehen und eine grundsätzliche Verhandlungsbereitschaft zu signalisieren.

Wie viele Länder werden dann ebenfalls Ansprüche anmelden?

Es werden einige sein. Darum muss die Reparationsfrage auf dem Wege einer multilateralen Verhandlungskonferenz gelöst werden. Eine solche Konferenz wäre als Ergänzung zum 2-plus-4-Vertrag zu sehen - und der wäre dann auch endlich ein Friedensvertrag.

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