Die Beziehungen zwischen Griechenland und Ägypten sind eigentlich nicht die übelsten, zumindest im Vergleich zum sonstigen Standard in der östlichen Mittelmeerregion. Während Griechenland sich mit der benachbarten Türkei derartig heftig um Zugriffsrechte für unterseeische Erdgasreserven stritt, dass zeitweise zwischen den beiden Nato-Mitgliedern ein Kriegsszenario realistisch erschien, einigte sich Athen mit Kairo 2020 per Abkommen auf eine Abgrenzung ihrer jeweiligen Wirtschaftszonen im Meer. Jetzt haben die beiden Regierungen zudem eine „strategische Partnerschaft“ besiegelt. Man will bei Themen wie Sicherheit, Migration und Energie noch enger zusammenarbeiten. Doch jetzt bringt ein Gerichtsurteil große Nervosität in die Beziehung.
Es geht um den Status des ältesten noch bewohnten christlichen Klosters der Welt: des Katharinenklosters auf der Halbinsel Sinai. Erbaut wurde es im 6. Jahrhundert an der Stelle, an der seinerzeit Moses dem brennenden Dornbusch begegnet sein soll. Seit 2002 hat es den Status des Unesco-Weltkulturerbes. Die etwa 20 Mönche, die dort noch heute leben, hüten unter anderem die weltberühmten Manuskript- und Ikonensammlungen. Das Kloster untersteht der griechisch-orthodoxen Erzdiözese des Sinai.
Auch das macht Athen nervös: Ägypten nähert sich Griechenlands Erzfeind Türkei an
Um die Frage, wem das Land ringsherum gehört, schwelt seit Jahren ein Rechtsstreit, in dem ein ägyptisches Gericht nun entschieden hat: Die Kirche habe zwar das Nutzungsrecht für das Kloster, das Land aber gehöre dem ägyptischen Staat. Der Richterspruch und die davon befeuerten Gerüchte, dem Kloster drohe eine Beschlagnahme und den Mönchen die Vertreibung, haben in Athen die höchsten politischen Ebenen in Alarmstimmung versetzt.
Griechenlands Premier Kyriakos Mitsotakis und Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi telefonierten am vergangenen Wochenende in der Sache miteinander, Mitte der Woche reiste dann der griechische Außenminister Giorgos Gerapetridis zu seinem Kollegen Badr Abdelatty nach Kairo. Man habe sich darauf verständigt, „umgehend darauf hinzuarbeiten, die Rechte des Klosters zu sichern“, erklärte Gerapetridis anschließend. Abdelatty versicherte seinem Gast, das Gerichtsurteil stelle weder den „heiligen Ort noch die dazugehörigen historischen Stätten“ infrage; das Kloster könne und solle weiterhin seine „religiöse und spirituelle Mission ausüben, ohne jegliche Änderungen“.
Das klang einerseits beruhigend, berührte andererseits nicht wirklich den Kern der Auseinandersetzung: die Frage nach dem Landeigentum. Beigelegt ist der Konflikt noch lange nicht. Die Nervosität in Athen mag auch zusätzlich dadurch geschürt sein, dass Ägypten und Griechenlands Erzrivale, die Türkei, in jüngster Zeit einander annähern; so haben die Armeen der beiden islamisch geprägten Länder kürzlich gemeinsame Manöver abgehalten.
Der Verlust des einstigen Konstantinopel ist unvergessen
Das Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche, Erzbischof Hieronymos II., zeigt sich jedenfalls nachhaltig alarmiert: Dem „ältesten christlich-orthodoxen Monument der Welt“ drohe eine „schwere Tortur, die an andere dunkle Zeiten erinnert“. Man muss dazu wissen, dass der Status religiöser Stätten und das griechische Nationalgefühl teils eng miteinander verwoben sind.
Der Verlust des einstigen Konstantinopel, seinerzeit die De-facto-Hauptstadt der Griechen, an die Osmanen im Jahr 1453, sitzt bis heute als Trauma tief. Als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Hagia Sophia, die einstige Hauptkirche im heutigen Istanbul, im Juli 2020 vom Museum zur Moschee umwidmete, läuteten in ganz Griechenland die Trauerglocken, die Regierung in Athen sprach von einem „historischen Fehler“.
In der Angelegenheit des Katharinenklosters zeigen sich denn auch Regierung und Opposition in Athen so einig wie selten. Oppositionsführer Nikos Androulakis, Vorsitzender der sozialdemokratischen Pasok, sagte am Donnerstagabend nach einem Treffen mit Damianos, dem Erzbischof des Sinai, man wolle das Kloster auf die Tagesordnung des Europaparlaments in Straßburg setzen.
„Es ist wichtig, die Angelegenheit zu internationalisieren“, sagte er, „damit Druck ausgeübt und die beste Lösung gefunden wird.“ Erzbischof Damianos dankte dem griechischen Volk für den Beistand und wünschte sich einen entschlossenen, zugleich aber auch einen nicht allzu „fanatischen“ Kampf.

