AmazonasGrenzstreit im Regenwald – wem gehört Santa Rosa?

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Peruanische Soldaten patrouillieren am 7. August 2025 auf der Insel Santa Rosa im Amazonas-Dreiländereck. Kolumbiens Präsident bestreitet Perus Gebietsansprüche.
Peruanische Soldaten patrouillieren am 7. August 2025 auf der Insel Santa Rosa im Amazonas-Dreiländereck. Kolumbiens Präsident bestreitet Perus Gebietsansprüche. JOSE CERPA/AFP
  • Weil sich der Flusslauf des Amazonas allmählich verändert hat, ist zwischen Kolumbien und Peru ein Grenzstreit entbrannt.
  • Die beiden Länder streiten um die Zugehörigkeit einer Flussinsel: Santa Rosa.
  • Beide Länder berufen sich auf unterschiedliche Interpretationen historischer Verträge und geografischer Gegebenheiten. Eine formelle Klärung des Konflikts streben beide Staaten im September an.
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Kolumbien wirft Peru vor, eine Insel im Amazonas annektiert zu haben. Für das Land geht es um eine der letzten Anbindungen an die Lebensader des Regenwalds.

Von Katharina Erschov

Peruanische Bürger segeln den Amazonas entlang und bemerken, dass über einer Insel, die zu Peru gehört, plötzlich eine große kolumbianische Flagge weht – so zeigt es ein Ausschnitt aus dem peruanischen Staatsfernsehen. Eine Provokation? Vor einigen Wochen ist zwischen Kolumbien und Peru ein historischer Grenzstreit wiederaufgeflammt. Es geht um Santa Rosa, eine Insel, die es vor einigen Jahrzehnten zumindest mit diesem Namen noch nicht gab.

Sie liegt an einer sensiblen Flussachse, nur wenige Bootsminuten von den Ufern dreier Länder entfernt: Brasilien, Kolumbien und Peru. Dieser Flussknoten ist wirtschaftlich, nicht zuletzt durch den Tourismus in der Region, aber auch kulturell und spirituell für die Menschen bedeutsam. Wegen der abgelegenen, schwer zugänglichen Wasserwege und der lückenhaften Grenzkontrollen ist das Dreiländereck aber auch seit Langem aus einem anderen Grund bekannt: als Umschlagsplatz für den transnationalen Drogenhandel.

Der Amazonas bildet hier die natürliche Grenze zwischen den drei Nachbarstaaten – und die ist buchstäblich fließend.  Wasserwissenschaftler berichten, dass sich der Flusslauf in den vergangenen Jahrzehnten allmählich zur peruanischen Seite hinverlagert hat. Sie warnen, dass Kolumbien mit dem wichtigen Hafen der Stadt Leticia in nur fünf Jahren eine wichtige physische Verbindung zum Amazonas verlieren könnte – damit auch eine wirtschaftliche Lebensader und einen bedeutenden Teil seiner nationalen Identität.

Genau hier gewinnt Santa Rosa an strategischer Bedeutung: Sollte die hauptsächlich von Peruanern bewohnte Insel offiziell zum kolumbianischen Staatsgebiet erklärt werden, könnte das dem Land weiterhin einen direkten Zugang zum Amazonas sichern. Darüber und über die Frage, wer bei der Auslegung der Grenzverträge das letzte Wort hat, streiten Peru und Kolumbien nun seit Wochen.

Widersprüchliche Sicht auf Verträge und Geografie

Einen Hinweis könnte der Salomón-Lozano-Vertrag von 1922 enthalten. Darin einigten sich beide Staaten weitgehend, den Grenzverlauf im Amazonas nicht in der Flussmitte zu ziehen, sondern entlang des am besten schiffbaren Kanals, des tiefsten Punkts des Flussbetts. Nach dem bisherigen Stand liegt die umstrittene Insel südwestlich der Grenzlinie und wird Peru zugeordnet.

So argumentiert auch das peruanische Außenministerium. Es betrachtet Santa Rosa als Teil der Insel Chinería, die Peru nach militärischen Spannungen und Grenzzwischenfällen mit Kolumbien mit dem Salomón-Lozano-Vertrag zugesprochen wurde. Im Gegenzug trat Peru einen schmalen Korridor samt Zugang zum Amazonas bei der Hafenstadt Leticia an Kolumbien ab. Die Entscheidung war in der Bevölkerung damals so heftig umstritten, dass die Vereinbarung erst 1928 ratifiziert und 1934 durch den Friedensvertrag von Rio de Janeiro bestätigt wurde.

Menschen auf der Insel Santa Rosa im peruanischen Loreto-Department zeigen ihre Zugehörigkeit zu Peru.
Menschen auf der Insel Santa Rosa im peruanischen Loreto-Department zeigen ihre Zugehörigkeit zu Peru. JOSE CERPA/AFP

Bis ungefähr zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts soll der Amazonas einen Teil von Chinería dann abgespalten haben: Santa Rosa. So sieht es jedenfalls der peruanische Außenminister Elmer Schialer. Weil der Amazonas-Arm, der die beiden Inseln erst trennte, später ausgetrocknet wäre, seien die Inseln heute wieder verbunden.

Ganz anders sieht man die Sache in Kolumbien. Gerade weil Santa Rosa (und einige andere kleine Landmassen im Amazonas) erst nach der Ratifizierung des Vertrags entstanden sei, handele es sich völkerrechtlich um noch nicht vergebenes Land. Das Präsidium moniert, dass in Peru im Juli ein Gesetz in Kraft trat, das den rechtlichen Status von Santa Rosa aufwertet, indem es die Insel zu einem peruanischen Bezirk erklärt.

Kein einziger Hektar des kolumbianischen Staatsgebietes dürfe verloren gehen, heißt es aus dem Büro des Präsidenten

In einem Statement des kolumbianischen Präsidenten Gustavo Petro heißt es, die Souveränität Perus über „die sogenannte Insel Santa Rosa und die De-facto-Behörden, die in der Zone eingesetzt wurden“, werde nicht anerkannt. Der Friedensvertrag von 1934 verlange, dass die beiden Nationen eine Einigung darüber erzielen müssten, wem neue Inseln gehören – Peru bestreitet das als unzulässige Auslegung.

Um den Streit mit einer emotionalen Symbolik aufzuladen, verlegte Petro in der vergangenen Woche zwei Gedenkfeiern samt Militärparade kurzerhand von ihren angestammten historischen Orten in die Hafenstadt Leticia. Nach den Feierlichkeiten erklärte das Haus des kolumbianischen Präsidenten, Petro wolle jeden Winkel des Landes schützen und nicht zulassen, dass auch nur ein einziger Hektar Staatsgebiet verloren gehe.

Dagegen konterte Staatschefin Dina Boluarte aus Peru: Die Insel liege vollständig im peruanischen Staatsgebiet und stehe seit mehr als einem Jahrhundert unter peruanischer Souveränität. Deshalb gebe es auch nichts mit den Kolumbianern zu besprechen.

Perus Außenminister Schialer betonte, Peru habe seit den 1970er-Jahren die Infrastruktur auf der Insel ausgebaut, darunter eine Schule und Regierungsgebäude, ohne dass die Kolumbianer jemals etwas dazu gesagt hätten. „Die Bevölkerung von Santa Rosa ist ein unveräußerlicher Teil unseres Territoriums. Das steht außer Frage.“

Medienberichten zufolge, sollen bereits peruanische Militärangehörige auf die Insel entsandt worden sein. Eine bewaffnete Austragung des Konflikts wird aber nicht erwartet. In einer Stellungnahme auf X gibt das kolumbianische Präsidium bekannt, die Grenzfrage Mitte September formell klären zu wollen.

Hinweis der Redaktion: Dieser Text ist die gekürzte Fassung einer früheren Version.

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