Flüchtlingspolitik:Der Brenner - Pfropf im Herzen Europas

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Italien graut davor, dass der Alpenpass wegen Österreichs Sorgen in der Flüchtlingskrise wieder zur Grenze wird. Sollte dort wieder kontrolliert werden, wären die Folgen gravierend.

Von Oliver Meiler

Wenn der Brenner schließt, sagen die Italiener, dann stirbt Europa. Das Europa der Freiheiten, der Überwindung des Schlagbaums im Herzen des Kontinents. Wenn dem tatsächlich so ist, dann droht diesem Europa nun gerade eine Phase akuter Agonie. Österreich hat damit begonnen, am Brenner einen Checkpoint einzurichten, einen Posten für Identitätskontrollen, wie es sie bis 1995 gab, um künftig den Flüchtlingen zu wehren.

Sie könnten bald in Rekordzahlen über die neue Route kommen - Libyen, Sizilien, Südtirol. Noch ist das Szenario zwar nur Vermutung, doch es wirkt plausibel. In Wien schätzt man, dass in diesem Jahr allein 300 000 Menschen auf den Fluchtweg durch das zentrale Mittelmeer ausweichen und nach Norden weiterziehen. Die Route durch den Balkan ist ja mittlerweile zu, vermauert, verzäunt. Als Alternative bleibt fast nur die gefährliche Straße von Sizilien, übers Meer, und dann weiter.

Die Barriere am Brenner soll sich quer über das enge Tal und alle Verkehrsachsen legen, die da 1372 Meter über dem Meeresspiegel die Alpen queren, zwischen Süd und Nord: Landstraße, Autobahn, Zuggleise. Wie sie aussehen wird, wenn sie in einigen Wochen fertig ist, scheint niemand genau zu wissen. Ein Stück Zaun wird dann wohl auch stehen. Die italienischen Zeitungen schreiben von einem "muro", obschon die Nachbarn natürlich keine Mauer im eigentlichen Sinn bauen. Hier zählt die Metapher, auch politisch.

La Repubblica klagt, die Italiener würden von den Österreichern "geohrfeigt". Erst vor wenigen Tagen hatten sich die Innenminister der beiden Länder nämlich darauf geeinigt, enger zusammenzuarbeiten, Informationen auszutauschen, um "Schengen" nicht zu entkernen. Rom beteuerte, es werde alle Ankömmlinge registrieren und sie nicht mehr einfach durchwinken. Das war der Deal. Nun scheint er bereits überholt zu sein. Und in Italien wächst die Sorge, dass man mit dem Phänomen der Migrationsströme von Europa alleingelassen wird. Der Brennero als Verschluss, als Pfropfen, ausgerechnet.

Schon Kaiser Septimius Severus befestigt den Pfad

Denn der Pass war immer eine Passage, ein Durchgang, lange vor den alten Römern schon. Kaiser Septimius Severus befestigte diesen Pfad im Jahr 200 n. Chr. Er diente den Heeren, später den Flüchtlingen vor dem Bösen, den Dichtern des Schönen auf ihrer Grand Tour, nun den nach dem Süden Sehnsüchtigen, den Handelsreisenden gen Norden. Weitet man die Landkarte, dann ist der Brenner das zentrale Moment auf der Linie zwischen den nördlichen Meeren und dem Mittelmeer. Und nie banal. Im März 1940 trafen sich Hitler und Mussolini am Brenner, um ihren Schulterschluss zu begehen. Symbolik waren ihnen ja keineswegs fremd.

Heute passieren 13 Millionen Fahrzeuge den Brenner, jedes Jahr. Touristen auf dem Weg in den Sommerurlaub, runter an die Strände der Romagna, in die Toskana, nach Apulien. Und alle sieben Sekunden passiert ein Lastwagen den Brenner, viele davon in Richtung Norden beladen mit Möbeln, Mode, Mozzarella aus Italien für die Daheimgebliebenen.

Wenn Österreich die Grenze sperrt, um die Flüchtlinge herauszufiltern, dann staut sich alles, dann stockt das Blut im Herzen Europas. Und das ist nicht gesund.

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