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Gregor Gysi:Dreimal versagte Gysi das Herz

Allen Stasi-Vorwürfen und moralischen Anfechtungen zum Trotz hielt Gysi sich auf der politischen Bühne. Gysi zog vor Gericht, gewann, wehrte ab - und ersparte seiner Partei auf diese Weise auch das historische Großreinemachen im eigenen Laden. Dreimal versagte ihm das Herz und im Kopf drohte 2004 eine Ader zu platzen, aber kaum war er genesen, saß er schon wieder in Talkshows. Das Publikum hat das meistens gemocht, und der Entzug der Droge Öffentlichkeit wird ihm schwerfallen.

Heute spricht Gysi von "Hass", wenn er an die ersten Jahre im Bundestag denkt, und er hält es für seinen größten politischen Erfolg, dass er seine Partei, die einst wie eine Aussätzige behandelt worden sei im vereinten Land, zu einer ganz normalen Oppositionspartei im Bundestag habe machen können. Fragt man ihn, wie es eigentlich weitergehen soll mit seiner Fraktion, kommen Sätze, die bei genauerem Hinhören wie Stoßgebete klingen.

Kompromisse sind Wagenknecht im Grunde zuwider

"Sie müssen sich bemühen - auch Sahra - die Mehrheitspositionen der Fraktionen zu vertreten", sagt er zum Beispiel. Oder: "Sie müssen lernen zu integrieren." Oder: "Sie müssen es schaffen, die Mehrheiten so zu organisieren, dass sie sie vertreten können." Solche Appelle zielen vor allem auf Sahra Wagenknecht, die Gysi über Jahre abgewehrt hat und nicht als Fraktionschefin an seiner Seite haben wollte. Auch weil Wagenknecht im Linken-Archipel lange eine so einsame Insel bewohnte, dass sie nicht als mehrheitsfähig galt.

Sarah Wagenknecht, 46, ist eine intellektuelle Eremitin, die gern mal mit hoch erhobener Nase eigene Empfindsamkeit zu überspielen scheint. Als Kind, bei ihren Großeltern bei Jena, kam es schon vor, dass andere Kinder sie auslachten, "Iiiihhh, wie sieht'n die aus?", weil ihr der iranische Vater anzusehen war, erzählte sie. Wagenknecht vergrub sich in Büchern, las später Hegel und Marx, sie trat noch in die SED ein, als die DDR schon wankte. Und als ihre Partei die Abkehr vom Stalinismus beschloss, sagte Wagenknecht: Nein.

Ich gegen den Rest der Welt, ist da die Grundhaltung, aber Wagenknecht weiß, dass Führung so nicht funktioniert. Sie verfügt mit einem Doktor der Volkswirtschaft zwar über mehr Kenntnis des Kapitalismus als die meisten Genossen. Sie kann mit Reden Parteitage zum Brodeln bringen. Und sie hat mit Oskar Lafontaine einen alten Fuchs an ihrer Seite. Kompromisse zu schließen aber, Bündnisse zum gegenseitigen Nutzen, dieser Kitt der Realpolitik ist Wagenknecht im Grunde zuwider. Ob Euro, Griechenlandpaket oder Regierungsbeteiligung - immer öfter geriet sie mit starren Meinungen ins Abseits.

Das wird sich ändern müssen, will sie mit Dietmar Bartsch nun erfolgreich die Fraktion führen. Der 57-jährige Doktor der Ökonomie nennt sich gern den Jüngsten unter den Alten, weil er mit der Generation Gysi sein Handwerkszeug gelernt hat. Bartsch gehört zu den Reformern in der Partei und setzte sich früh für politische Kompromisse gegen linken Parteibuchdogmatismus ein, etwa bei der Bewertung von UN-Einsätzen oder einer künftigen Regierungsbeteiligung. Als Bundesgeschäftsführer war Bartsch nach der Wende fürs SED-Parteivermögen zuständig, und weil er nicht nur ein gerissener Trickser sein kann, sondern auch Machtmensch, hat er handfeste Gegner in Partei und Fraktion. Bisweilen sorgen sie dafür, dass unschöne Geschichten von damals in der Zeitung landen.

Das Ziel aber, Bartsch und Wagenknecht als Fraktionschefs zu verhindern, dürften sie am Dienstag verfehlen. Die Wahl des ungleichen Duos gilt als gewiss.

© SZ vom 13.10.2015
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