Gott als Flüchtling Shitstorm gegen Franziskus

War das Jesuskind ein Flüchtling? Nein, sagen die Kritiker des Papstes. Doch da kennen sie die Fortsetzung der Geschichte von den Heiligen Drei Königen schlecht.

Von Matthias Drobinski

Kaum sagt ein Pfarrer, Bischof oder sonst wie zur christlichen Predigt Berufener, dass Maria, Josef und das Jesuskind Flüchtlinge gewesen seien, da schallt ihm der Chor derer entgegen, die finden, dass Geflohene besser draußen vor der Tür warten. Er singt den Refrain: Nein, Flüchtlinge waren sie nicht! Sie waren brave Bürger auf dem Weg zur Volkszählung - und als Marias Wehen einsetzten, hatten sie Pech und landeten im Stall, der auch nicht viel schlechter war als manche Herberge. Der Rest, so der Chor, ist gutherziger Christenkitsch. Selbst Papst Franziskus bekam das per Shitstorm zu hören, als er zu Weihnachten an die Not der Flüchtlinge erinnerte.

Daran stimmt, dass die Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas die Geschichte von Gott erzählt, der ein schutzloses Kind wird, aber keine Fluchtgeschichte. Nur gibt es in der Bibel nicht nur das Lukasevangelium, was nicht mehr jeder eifrige Retter der jüdisch-christlichen Kultur zu wissen scheint. Die Fluchtgeschichte der Familie Jesu beginnt mit diesem Dreikönigstag, und sie steht bei Matthäus: Die drei Sterndeuter kommen zu König Herodes und fragen nach dem neugeborenen König, dessen Stern sie haben aufgehen sehen. Herodes, erschrocken über die vermeintliche Konkurrenz, bittet die Weisen, ihn über die Sache zu informieren - doch dem kommt der Engel zuvor: Er schickt die Weisen auf einem anderen Weg heim und sagt dem Josef im Traum: "Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten." Josef folgt dem Traumbild, während Herodes alle kleinen Kinder in Bethlehem und Umgebung ermorden lässt, und bleibt in Ägypten bis zum Tod des Herodes.

Die Geschichte von der Flucht nach Ägypten ist eine Legende, so wie auch die Geschichte von der Geburt Jesu eine Legende ist - nur dass dieser Flucht- und Mordgeschichte jeder Weihnachtskitsch abhanden gekommen ist. Ihr Wahrheitsgehalt liegt im übertragenen Sinn: Die Geschichte des - so der christliche Glaube - menschgewordenen Gottes ist die Geschichte der existenziellen Gefährdung und der unsicheren Lebensverhältnisse. Und die große Erzählung des Volkes, dem er entstammt, kennt die Armutsmigration zu den Fleischtöpfen Ägyptens genauso wie 40 Jahre Wüstenwanderung und die Verschleppung nach Babylon. Der Satz aus dem dritten Buch Mose: "Den Fremdling sollt ihr nicht bedrücken; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland" ist keine abgehobene Theorie; er sitzt im prallen Leben, der Israeliten wie vieler Millionen Menschen heute. Den heute sehr behausten Christen Europas aber begegnet da ein Gott, der Fremdling ist und bleibt.

Das klärt nicht, wie ein Einwanderungsgesetz in Deutschland aussehen könnte und wie Flüchtlinge in Europa fair verteilt werden müssten; nicht, wo die Grenzen der Aufnahmefähigkeit liegen und welcher Flüchtling warum abgeschoben gehört. Es sollte auch nicht den realistischen Blick auf die Gekommenen vernebeln, unter denen es bedürftige und weniger bedürftige Menschen gibt, großartige und weniger großartige. Aber es klärt die Perspektive: Wer an den fremden, unbehausten Gott glaubt, muss sich zuerst fragen, was er, was ein reiches Land für die fremden und unbehausten Menschen tun kann - und dann erst nach den Grenzen dieses Tuns. Man kann selbstverständlich auch andersherum erst einmal nach den Grenzen aller Hilfe für die Fremden fragen. Nur sollte man dann nicht ein Christentum für sich in Anspruch nehmen, dessen Gründer mit den Eltern nach Ägypten floh.