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Bundeswehr:Gorch Fock kann bald wieder auslaufen

Ein Gefühl von Nostalgie: die Gorch Fock, wie sie im Herbst 2014 ihren Heimathafen Kiel verlässt.

Ein Gefühl von Nostalgie: die Gorch Fock, wie sie im Herbst 2014 ihren Heimathafen Kiel verlässt.

(Foto: Carsten Rehder/DPA)

Ein halbes Jahrzehnt liegt das Segelschulschiff in der Werft, die skandalträchtige Sanierung verschlang 135 Millionen Euro. Der Kapitän sehnt den Tag im Juli herbei, wenn das Schiff wieder in See sticht - und plant, auch Ursula von der Leyen an Bord zu begrüßen.

Von Mike Szymanski, Bremen

Die Gorch Fock zieht an Kapitän Nils Brandt vorbei, von rechts nach links. Bleibt stehen. Dreht um. Steuert jetzt auf Brandt zu. Nimmt ihren Platz auf einer Parkbank ein, genau neben der, auf der Kapitän sitzt und auf die Weser guckt.

Diese Gorch Fock - handflächengroß - segelt auf dem Kopf von Bernd Meyer, 75, unter aufgeblähten Segeln, als Stickerei auf seiner blauen Schirmmütze. Brandts Segelschulschiff Gorch Fock, knapp 90 Meter lang, liegt auf der anderen Weserseite, in der Lürssen-Werft, und bekommt gerade am ersten Mast von vorne die Rahen montiert, an denen später die Segel hängen werden.

Brandt und Meyer kennen sich nicht persönlich, sie begegnen sich zufällig an diesem Tag an der Weserpromenade im Bremer Stadtteil Vegesack. Von dort aus hat man den besten Blick aufs Schiff.

Kapitän Nils Brandt vor seinem Schiff Gorch Fock, das Ende Juli wieder auslaufen soll

Kapitän Nils Brandt vor seinem Schiff, das Ende Juli wieder auslaufen soll

(Foto: Mike Szymanski/SZ)

Brandt, 54, ist hergekommen, weil er eine Botschaft hat: "Wir sind bald fertig." Ende Mai sollen die Arbeiten am Segelschulschiff der Marine abgeschlossen sein. Die Gorch Fock wird bald wieder segeln. Meyer ist hier, weil er Sehnsucht nach dem Schiff hat. Bei einer Windjammer-Parade 1986 hat er Begeisterung für das Schiff entdeckt. Und er wohnt ums Eck. Er kann die Gorch Fock sogar von seinem Fenster aus sehen.

Viel Geld für ein bisschen Romantik?

Mehr als fünf Jahre war das Schiff bald in der Werft, ein halbes Jahrzehnt. Ein ums andere Mal stand die Frage im Raum, ob die Gorch Fock verschrottet wird. Denn die Kosten für die Sanierung liefen aus dem Ruder. Aus anfangs zehn Millionen wurden 135 Millionen Euro - so viel Geld für ein altes Schiff zur Ausbildung der Offiziere und ein bisschen Romantik?

Die erste Werft, die sich an der Sanierung versuchte, musste 2019 Insolvenz anmelden, nachdem Korruptionsvorwürfe auftauchten. Millionen für die Gorch Fock sollen zudem in ein undurchsichtiges Firmengeflecht geflossen sein. Die juristische Aufarbeitung dauert an. Die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte Glück, dass die Opposition nicht einen Untersuchungsausschuss erzwang, weil sie schon genug mit anderen Affären in der Bundeswehr zu tun hatte. In den Medien war damals vom "Skandalschiff" die Rede.

Meyer sagt: Die Gorch Fock sei ja nicht nur ein Schiff, sondern ein "Symbol". Einst zierte das Schiff den Zehn-Mark-Schein. Verschrotten? "Das hätte ich nicht verstanden."

Die Geschichte der Gorch Fock ist auch eine, die vom Durchhalten erzählt.

Die Gorch Fock war eigentlich ein Wrack

Brandt hat im Juni 2014 das Kommando der 1958 gebauten Bark übernommen. Er hatte als Kommandant mit dem Schiff noch anderthalb Jahre auf See - dann kam der Werftaufenthalt, damals noch in einem anderen Betrieb, der zunächst nur ein paar Monate dauern sollte. Am Ende wird Brandt mit der Gorch Fock mehr Zeit an Land als auf See verbracht haben. Seiner Besatzung gehörten aber auch Männer und Frauen an, die das Schiff keinen einzigen Tag im Wasser erlebt haben.

Beim Werftaufenthalt stellte sich heraus, dass der Schiffsstahl an manchen Stellen so durchgerostet war, dass man mit dem Finger darin bohren konnte. Nach und nach wurde klar, dass das Schiff eigentlich ein Wrack ist, zu dem Zeitpunkt waren aber schon Millionen in die Sanierung geflossen. Etwa 90 Prozent des Stahlrumpfes sind heute neu, wie auch große Teile der Aufbauten.

Für Brandt, früher Kommandant einer Fregatte, begann eine schwere Zeit. Seinen Leuten sagt er sonst, die See forme den Charakter. Jetzt ist es die Ungewissheit: 2017, 2018 und 2019 - als immer neue Schreckensbotschaften von der Baustelle auftauchen, muss er um die Zukunft seines Schiffes bangen.

Unter anderen Umstände hätte seine Dienstzeit auf der Gorch Fock nach drei Jahren, also 2017, geendet. Dann wäre er in einen Büro-Job aufgestiegen, vielleicht jetzt irgendwo Referatsleiter. In seiner Karriere ist die Gorch Fock sein letztes Schiff und wohl das einzige, dass er tatsächlich in allen Einzelteilen kennengelernt hat. "Für mich war aber klar, dass ich dieses Vorhaben beenden will." Also blieb er an Bord.

Die Kernbesatzung wohnt neben dem Schiff

Die Kernbesatzung, etwa 50 Männer und Frauen, sind immer beim Schiff. Neben der Gorch Fock hat das Wohnschiff Knurrhahn festgemacht, ein Ersatz-Zuhause. Die Soldatinnen und Soldaten halten Wache, passen auf, dass kein Feuer auf der Baustelle ausbricht oder irgendwo Wasser eindringt. Und sie beraten die Ingenieure und Handwerker der Werft, denn niemand kennt das Schiff so gut wie sie. In der Freizeit erkunden Besatzungsmitglieder die Gegend mit dem Rad. Als es noch ging, in der Zeit vor Corona, meldeten sich manche im Fitnessstudio an.

Für einige Offiziersanwärter konnte die Marine Ausbildungsfahrten auf dem rumänischen Segelschulschiff Mircea und auf der Alexander von Humboldt II organisieren. Brandt hat seine Besatzung in all den Jahren auch immer wieder fürs Auslaufen vorbereitet, weil er dachte, der Zeitpunkt würde nun bald kommen. "Er gab drei bis vier unterschiedliche Fertigstellungstermine", sagt er. Und so fingen sie immer wieder von vorn an.

Anfang 2019 besuchte die damalige Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen die Gorch Fock

Anfang 2019 besuchte die damalige Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen die Gorch Fock

(Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa)

2019 - damals lag das Schiff noch in einem Dock in Bremerhaven - kam die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zu einem Überraschungsbesuch. Sie wollte sich selbst ein Bild der Lage machen. Brandt führte sie über die nackte Stahlhülle. Die Ministerin hatte Mühe zu erkennen, wo vorne und hinten ist - so wenig Schiff war übriggeblieben.

Brandt glaubt, dass dieser Tag ein Schlüsselmoment war, denn die Ministerin hatte bei der Gelegenheit auch das Gespräch mit der Besatzung gesucht. "Sie hatte lange zugehört. Ich glaube, das Treffen hat ihr nochmal gezeigt, dass das Schiff nicht nur eine leblose Stahlhülle ist", sagt Brandt. Zurück in Berlin veranlasste sie die Fortführung der Sanierung. Unter neuer Regie durch die Lürssen-Werft nahmen die Arbeiten bald wieder an Fahrt auf.

Im Juli sollen die ersten Kadetten an Bord gehen

Als die Bark im Sommer 2020 ihre Masten bekam, als das Schiff später wieder zu Wasser gelassen wurde, da sei ihm, Brandt, klargeworden: "Jetzt kann uns niemand das Schiff mehr wegnehmen."

Die Pläne für die Inbetriebnahme werden schon konkret: am 19. Juli sollen die ersten Kadetten aufs Schiff kommen, Ende des Monats dann die Gorch Fock zur ersten Ausbildungsfahrt mit Stationen in Rostock, Bremerhaven und Oslo auslaufen. Das wird auch Brandts letzte Fahrt mit dem Schiff sein. Einen Gast möchte er gern noch auf dem Schiff begrüßen: die heutige EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Ihn hat beeindruckt, wie sich die CDU-Politikerin trotz aller Kritik für die Gorch Fock eingesetzt habe. "Das rechne ich ihr hoch an", sagt Brandt. "Wenn das Schiff fertig ist, werde ich sie auf die Gorch Fock einladen."

Auch der Gorch-Fock-Fan Meyer mit der Schirmmütze will wieder aufs Schiff, wenn es fertig ist und sich ihm die Gelegenheit bietet. Der Kapitän und er verabreden, in Kontakt zu bleiben. Meyer weiß aber auch, dass sich für ihn die beste Zeit wohl dem Ende neigt. Wenn die Gorch Fock wieder auf den Meeren unterwegs ist, beginne für ihn wieder die "Zeit des Lauerns".

© SZ/stad
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