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Russland:Der Mann mit dem freien Blick

Michail Gorbatschow 2002 in Berlin

Michail Gorbatschow, erster und letzter Präsident der Sowjetunion, durchlebt schwierige Zeiten.

(Foto: Thomas Koehler/imago images)

Michail Gorbatschow, der heute 90 wird, hat als Präsident der Sowjetunion reale und geistige Mauern eingerissen. Seine Politik der Annäherung von Ost und West hat die Welt verändert, doch nun erlebt er eine Ära der Rückschritte.

Von Frank Nienhuysen

Die Wünsche können nicht groß genug sein, wenn ein historischer Staatsmann Geburtstag hat. Michail Sergejewitsch Gorbatschow wird an diesem Dienstag 90 Jahre alt, und dass sein Erbe noch irgendwie fortwirken möge, hat der Friedensnobelpreisträger jetzt kaum verhüllt erbeten. Er rief seinen Nachnachfolger Wladimir Putin und den neuen US-Präsidenten Joe Biden auf, "offen aufeinander zuzugehen", und auch die Europäische Union und Russland sollten "angstfrei miteinander verhandeln". All das, was ihm selbst einst so leicht gefallen war.

Der ehemalige Kremlchef, erster und letzter Präsident der Sowjetunion, durchlebt schwierige Zeiten, auch, natürlich, weil die Pandemie ihn schon ein Jahr lang in der Isolation eines Krankenhauses festhält. Schmerzhaft aber spürt er auch, wie sich das russisch-westliche Verhältnis seit den emotionalen Höhen seiner Epoche so radikal gewendet hat. Das "gemeinsame Haus Europa", von dem Gorbatschow einst träumte, ist nicht entstanden; Abrüstungsverträge wie das INF-Abkommen, das er 1987 als "Meilenstein in der Geschichte menschlichen Strebens nach einer Welt ohne Kriege" bezeichnet hatte, wurden aufgekündigt, von den USA, dann von Russland.

Vor zehn Jahren, als er 80 wurde, hatte Gorbatschow sich noch Sorgen vor allem um sein Land gemacht, nannte Korruption und Willkür in Russland "die größten Übel". Jetzt sieht er sich im Interview mit der Komsomolskaja Prawda zum Generalappell gezwungen, "keinen Krieg zuzulassen". Immerhin erleichtert ist er, dass vor ein paar Wochen der New-Start-Vertrag verlängert wurde und die beiden Atommächte wenigstens etwas von Gorbatschows umfangreichem Abrüstungsgesamtwerk gerettet haben. Dass er innerhalb von nur sechs Jahren die Welt verändert hat, daran kann ohnehin niemand rütteln. Im Westen, vor allem in Deutschland, ist man ihm dafür zutiefst dankbar, in Russland fällt seine Lebensbilanz sehr viel zwiespältiger aus.

In Russland sehen ihn die meisten als den Zerstörer der Sowjetunion

Positiv sehen ihn dort nur zwölf bis 15 Prozent der russischen Bevölkerung, sagt der Leiter des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada, Lew Gudkow, der SZ. "Ich verehre ihn, trotz seiner Fehler. Er hat Reformen begonnen, das Monopol der Kommunisten zerschlagen, die Entspannung mit dem Westen und das Ende des Afghanistan-Kriegs - all das sind seine Verdienste", sagt Gudkow. "Aber die meisten Menschen in Russland denken über ihn, dass er die Sowjetunion zerstört hat."

Extrem jung war Michail Gorbatschow für sowjetische Verhältnisse, erst 54, als er 1985 Generalsekretär des Zentralkomitees der dominanten Kommunistischen Partei wurde und das erstarrte Sowjetreich aufbrach. Er wollte den Sozialismus nicht abschaffen, er wollte ihn stärken, mehr Offenheit und Mitsprache, mehr Freiheit, mehr Wettbewerb, all das, was historisch längst unter den Begriffen "Glasnost und Perestroika" katalogisiert ist. "Da hat er sich sehr unterschieden von den Leuten, die eingemauert waren in ihren Vorstellungen, die wenig Ahnung davon hatten, was in der Welt draußen vor sich geht", sagt der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel der SZ.

Das hat Gorbatschow weitsichtig erkannt, dass dies nur mit teuren Reformen gehen würde, für die er außenpolitisch sparen musste. Das hieß, Truppen aus Afghanistan zurückzuziehen, die Bevormundung osteuropäischer Staaten zu beenden, vor allem: den kostspieligen Rüstungswettlauf mit den USA zu stoppen.

Die Spaltung war obsolet, seine Größe ist, "dass er sich dem nicht entgegengestellt hat"

Gorbatschow hat dafür versucht, Feindbilder abzubauen, daheim Missstände anzuprangern, mit unverstelltem Blick das eigene Land und die Welt zu betrachten. Das hatte Folgen, die auch er nicht ausdrücklich gewollt oder sogar angestrebt hat, schon gar nicht das Ende der Sowjetunion. "Die Vorstellung einer überlegenen strategischen Reform von oben halte ich für naiv", sagt Schlögel. "Aber er hat sich dann dem Prozess nicht verweigert, sondern ihm eine Form gegeben."

Das gilt umso mehr für die außenpolitische Entspannung, die Gorbatschow einfädelte und die am Ende in die Deutsche Einheit mündete. Sogar in die Nato ließ er das vereinte Deutschland ziehen, weil er das für pragmatisch hielt. Der Wucht dessen, was er angestoßen hatte, konnte und wollte er auch am Ende wenig entgegensetzen. "Er hatte einen Sinn für den historischen Moment", sagt Schlögel, "er hat verstanden, dass diese Spaltung obsolet war, und das ist seine Größe, dass er sich dem nicht entgegengestellt hat." Über Deutschland sagte Gorbatschow einmal, dass "die gewaltsam herbeigeführte Spaltung einer großen Nation nicht normal" sei.

"Mit großer Verehrung" gratuliert nun auch Russlands Präsident Wladimir Putin dem Mann, der sein Land verändert hat. Gorbatschow unterstützte Putin immer wieder, rügte ihn aber für den rigiden Umgang mit Kritikern. Auch dies dürfte ihm wenig gefallen: dass die Gorbatschow-Stiftung inzwischen auf ausländische Spenden verzichtet. Sie müsste sich sonst als "ausländischer Agent" registrieren. Egal wie verdient ihr Namensgeber ist.

© SZ/bac/bepe
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