Süddeutsche Zeitung

Vereinigte Arabische Emirate:Goldene Neubürger

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Viele Länder am Golf vergeben ihre begehrte Staatsbürgerschaft mittlerweile an ausgewählte Expats. Was hinter der neuen Migrationspolitik auf der Arabischen Halbinsel steckt.

Von Dunja Ramadan, München

Es habe sich angefühlt, als würde man in eine neue Familie aufgenommen werden, sagte Hassan Arafat, Professor für Membran- und Wassertechnologie an der Khalifa University in Abu Dhabi. Der gebürtige Jordanier gehörte zu den ersten Expats in den Vereinigten Arabischen Emiraten, die im vergangenen Jahr die emiratische Staatsbürgerschaft erhalten haben. "Es ist wie Magie, wie ein Schalter, den man umschaltet. Plötzlich fühle ich mich als Teil von etwas viel Größerem als meiner Karriere", sagte Arafat der emiratischen Nachrichtenseite The National News.

Um in die "Familie" aufgenommen zu werden, wie Arafat es medienwirksam formuliert, musste man bislang einen emiratischen Vater haben. Selbst für emiratische Mütter ist die Weitergabe der Staatsbürgerschaft an ihre Kinder oft ein bürokratischer Kampf, wenn sie einen ausländischen Mann geheiratet haben. Sie können die Nationalität zwar beantragen, wenn ihr Kind sechs Jahre lang in den Emiraten gelebt hat. Doch die Bearbeitung kann dauern - und die Hoffnung ist oft vergeblich. Und die strikten Visa-Regelungen führten bislang dazu, dass selbst hochqualifizierte Expats keine Zukunftspläne für sich und ihre Familien machen konnten, da ihr Visum alle zwei oder drei Jahre verlängert werden musste.

Doch als Scheich Mohammed bin Raschid al-Maktum, Herrscher von Dubai, Anfang 2021 verkündete, dass auch Expats in Zukunft Emiratis werden können, läutete er damit eine neue Phase der Migrationspolitik auf der Arabischen Halbinsel ein.

Bislang gab es für die rund 25 Millionen Ausländer in den arabischen Golfstaaten keinerlei Aussicht auf einen dauerhaften Aufenthalt, geschweige denn eine Staatsbürgerschaft - weder für den Bauarbeiter aus Bangladesch noch für die Anwältin aus Libanon. Wer keinen Arbeitsvertrag hatte, musste praktisch über Nacht das Land verlassen. Egal, wie viele Jahrzehnte man im Land gearbeitet hat.

Die Herrscher am Golf haben es auf eine globale Geld-Elite abgesehen

Für die Mehrheit der Arbeitsmigranten im Niedriglohnsektor wird das auch so bleiben, denn die Herrscher am Golf haben es auf eine ganz bestimmte Zielgruppe abgesehen. Auf eine globale Elite, die ihr Geld in ihrer neuen Heimat investieren soll - gerade mit Blick auf den tiefgreifenden Wandel, der den Ländern bevorsteht: Die Volkswirtschaften müssen sich vom Öl auf Finanzen, Technologie und Tourismus umstellen.

Deshalb können in den Emiraten mittlerweile Investoren, Wissenschaftler, Ärzte, Ingenieure, Künstler, Autoren und ihre Familien neben ihrer ursprünglichen auch die emiratische Staatsbürgerschaft erwerben. Allerdings gibt es kein offenes Bewerbungsverfahren, vielmehr wird man von Regierungsbeamten oder Mitgliedern der Königsfamilie nominiert. Dieses elitäre Auswahlverfahren wird nun durch ein neues Paket, das von diesem September an in Kraft tritt, erweitert: Personen, die als Besucher einreisen, können 60 Tage statt 30 Tage bleiben. Insbesondere Akademiker können auf neue Visa zur Arbeitssuche zurückgreifen, ohne auf einen einheimischen Sponsor angewiesen zu sein.

Die Notwendigkeit, die bislang sehr verschlossene "Familie" für Ausländer zu öffnen, wuchs bei den Regierenden am Golf im Zuge der Corona-Krise Anfang 2020. Die führte ihnen vor Augen, dass ihre strikte Migrationspolitik dringend ein Update benötigt. Schließlich sind es mehrheitlich Ausländer, die die Golfstaaten am Laufen halten. Von den fast zehn Millionen Einwohnern der Vereinigten Arabischen Emiraten etwa sind rund 90 Prozent Ausländer, nur zehn Prozent Einheimische. Während der Pandemie verloren viele Menschen ihre Jobs und mussten das Land verlassen. Einigen Expats waren die Lockdowns zu strikt. Dubais Bevölkerung sank um 8,4 Prozent. Damit ging viel Potenzial verloren.

Das will man in Zukunft verhindern, deshalb bieten auch Staaten wie Saudi-Arabien und Bahrain mittlerweile verschiedene Bleibeperspektiven an: etwa das goldene Visum für Gutverdiener in Bahrain, die mehr als 5000 Euro im Monat einnehmen, oder etwa die saudische Greencard, die es Expats ermöglicht, Geschäfte und Eigentum zu besitzen, ohne dass sie dafür einen einheimischen Sponsor brauchen. Das kostet aber: rund 212 000 Euro.

Damit sind auch demografische Hoffnungen verbunden. Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman will, dass bis zum Jahr 2040 rund 100 Millionen Menschen in Saudi-Arabien leben. Hochqualifizierte Ausländer sollen sich in futuristischen Megastädten wie Neom oder The Line heimisch fühlen. Damit würden mehr Expats als Einheimische in der Wüstenmonarchie leben. Die neue Migrationspolitik birgt deshalb auch gesellschaftliches Konfliktpotenzial. Noch vor wenigen Jahrzehnten lebten die Emiratis in Fischerdörfern, ihre Häuser bauten sie aus Palmzweigen, es gab keinen Strom. Viele verdienten ihr Geld als Perlentaucher. Doch als in den Sechzigern Ölquellen gefunden wurden, begann für sie ein neues Leben im Wohlstand - das sie nun mit einigen Expats teilen müssen.

Üppige staatliche Vorteile, aber keine politische Teilhabe für die Bevölkerung

Bislang waren die autokratisch regierten Golfstaaten in erster Linie Wohlfahrtsstaaten, die mit ihrer einheimischen Bevölkerung einen klaren gesellschaftlichen Loyalitätspakt geschlossen haben: So erhalten sie üppige staatliche Vorteile, im Gegenzug verzichten sie auf politische Teilhabe. Emiratische Staatsbürger können etwa auf kostenlose Gesundheitsversorgung und großzügige staatlich finanzierte Altersvorsorge zurückgreifen, sie erhalten zinslose Darlehen, um ein Grundstück zu erwerben oder zu bauen. Um die Heiratskosten zu senken, gibt die Regierung emiratischen Männern einen Zuschuss von mehreren Tausend Euro, wenn sie eine emiratische Frau heiraten. Diese Benefits kosten viel Geld - und sind deshalb auf die wenigen Staatsbürger beschränkt.

Experten schätzen die Gesetzesänderungen am Golf als längst überfällig ein, um die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit der Staaten zu sichern. Und offenbar zahlt sich der Wettbewerb um die weltweite Elite für die Vereinigten Arabischen Emirate, die ihr Image als Steueroase pflegen, auch aus: Im Jahr 2022 und im Zuge des russischen Kriegs in der Ukraine konnten die Emirate laut einem Bericht der britischen Beratungsfirma Henley & Partners 4000 Millionäre anziehen.

Und diese Millionäre sollen langfristig auf der Arabischen Halbinsel bleiben, wenn es nach den Herrschern am Golf geht. Viel zu lange blieben Ausländer nur für ein paar Jahre, um Steuern zu sparen und das Geld dann in der Heimat anzulegen. Nun aber, und das ist der Kern der neuen Migrationspolitik, sollen sie sich heimisch fühlen. Oder wie es Arafat formuliert hat: als Teil einer Familie. Wenn auch einer sehr elitären Familie, in der Hausangestellte, Kellner und Bauarbeiter keinen Platz am Tisch bekommen. Dafür aber laut Forbes seit 2021 zum Beispiel der russische Milliardär und Telegram-Gründer Pawel Durow.

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