Glosse:Das Streiflicht

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Immer wieder werden ausgeliehene Bücher erst nach vielen Jahrzehnten zurückgegeben. Das hat viel mit Vergesslichkeit zu tun, aber auch mit Magie und Schweinespeck.

(SZ) Von dem Dichter Hugo von Hofmannsthal wird erzählt, er habe nur sehr ungern Bücher verliehen. Jeder, der Bücher nicht nur liest, sondern diese nach dem Lesen auch behält, neigt zur Skepsis, wenn er um die befristete Aushändigung eines oder mehrerer Exemplare seiner Bibliothek gebeten wird. Hofmannsthal hat sich dann wohl doch breitschlagen lassen und bekam das Buch nach unhöflich langer Zeit zurück. Es war mit lauter Fettflecken verunreinigt. Daraufhin ließ der Dichter des „Rosenkavaliers“ eine Speckschwarte kaufen, legte diese in einen Umschlag und schrieb dem unachtsamen Freund: „Ich schicke Dir hier das Lesezeichen zurück, das Du in meinem Buch vergessen hast.“ Grimmiger Humor ist die Visitenkarte des distinguierten Intellektuellen, seine Befindlichkeit orientiert sich am Zustand seiner Bücher. Hofmannsthal wird nach der Speckschwartenaffäre vermutlich noch schmallippiger auf Leihanfragen reagiert haben, und sicherlich hat er sehr genau darauf geachtet, dass kein Buch ohne seine Zustimmung das Rodauner Haus verließ.

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