(SZ) Die Abiturrede zählt zu den wenigen Höhepunkten der deutschen Bildungskulturlandschaft. Sie darf entweder der beste oder der schlechteste Schüler eines Gymnasiums halten. Wenn der Beste am Rednerpult steht, weiß jeder im Saal, dass es in den folgenden Minuten eher langweilig und liebedienerisch zugehen wird. Steht dagegen der schlechteste Schüler vorn, haben die Zuhörer einen späten Sieger vor Augen, einen Märtyrer oder eine Märtyrerin, der oder die ein knappes Jahrzehnt lang einen beträchtlichen Teil all jener Demütigungen erfahren musste, die der Lehrplan für die Lernschwachen bereithält. Natürlich ist die Abiturrede der schlechten Schüler immer viel interessanter, weil sich in der Person der Rednerin und womöglich auch in ihrer Rede selbst die schwärzeren Seiten des Bildungssystems auffalten. Ein schlechter Schüler wird in seiner Abiturrede nicht ohne dezent vorgetragene Vorwürfe an das Lehrerkollegium auskommen, die dieses dann mit erzwungenem Lächeln zu quittieren haben wird. Denn dem Abiredner ist am Ende ein doppelter Triumph sicher: Er hat eine eindringliche Rede an seine Schulkameraden und natürlich auch an seine Lehrer gehalten. Zudem hat er, was vermutlich auf lange Sicht von größerem Gewicht ist, das Abitur bestanden.
GlosseDas Streiflicht
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In Hagenow hielt eine Schülerin die Abiturrede – und revolutionierte im Handumdrehen diese alte rhetorische Tradition.