(SZ) Der Schriftsteller Martin Walser hat einmal sein Tagebuch in der Bahn vergessen, auf der Fahrt von Innsbruck nach Friedrichshafen. Seine Anschrift hatte er im Büchlein nicht hinterlassen, warum auch? „Ich hatte ja nicht vor, es liegenzulassen.“ Der Mensch kann sich schließlich nicht auf alles vorbereiten – und schon gar nicht auf das, was in einem Zug mit ihm passiert. Wann er den Zielort erreichen wird? Niemand kann ihm das bei Reisebeginn mit Sicherheit sagen. Und ob der Mensch noch komplett ist, wenn er irgendwann ankommt, ist auch keineswegs sicher. Sechs Rollstühle, zehn Hörgeräte und vier Gebisse sind etwa im vergangenen Jahr in den Zügen der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) zurückgelassen worden. Des Weiteren werden dauernd Stradivaris im Nah-und Fernverkehr vergessen: 2012 von einem Mann in Bern, 2016 von einer Geigerin in Saarbrücken, 2022 von einer Musikschülerin auf der Fahrt nach München. Da handelte es sich allerdings nur um den Nachbau einer Stradivari.
Aus zwei Gründen, grob gesagt, vergessen Menschen ihr Zeug im Zug. Entweder, sie sind selten unterwegs: Dann sind sie dermaßen auf Fahrpläne und Umstiegsgleise fixiert, dass sie unmöglich auch noch ihre Stradivari im Blick behalten können. Oder, andere Möglichkeit, sie sind dauernd unterwegs und permanent damit beschäftigt, mit anderen Vielreisenden die berühmten vielsagenden Blicke auszutauschen, wenn der Zugbegleiter mal wieder sein Zugbegleiterenglisch durch den Lautsprecher knarzen lässt. In diesem routinierten Umgang mit den alltäglichen Mangelerscheinungen der Bahn lässt es sich so gut einrichten, dass die Stradivari in der Gepäckablage schon mal glatt vergessen werden kann.
In einer Regionalbahn nach Tübingen hat soeben ein Lokführer beim Kontrollgang ein Päckchen gefunden, auf dem „Spinnen und Skorpione“ stand. Klingt nach einem Kinderscherz oder dem Versuch, der schwer gebeutelten Bahn ein weiteres Problem aufzuhalsen. Aber Halloween ist noch ein paar Monate hin, und so stellte die herbeigerufene Polizei fest, dass im Paket tatsächlich drin war, was draufstand: 20 gut gepflegte brasilianische Vogelspinnen. Warum jemand diese spezielle Fracht vergisst, nachdem er zur Sicherheit dick draufgeschrieben hat, was drinsteckt, bleibt ein Mysterium, aber Reisende haben schon Drohnen und Trompeten in der Bahn hinterlassen. Menschen sind rätselhaft, sie kränken oft diejenigen am tiefsten, die ihnen nahestehen. Also vergessen sie auch das, was sie unbedingt behalten wollen. Im aktuellen Fall befand sich allerdings - anders als bei Walsers Tagebuch - ein Aufdruck am Karton, der eine Frau als rechtmäßige Halterin der Tierchen auswies. Sie holte die Vogelspinnen noch am selben Tag ab. Frohe Botschaft hinter der Geschichte, in Zeiten wie diesen so wichtig: Es ist noch nicht alles verloren.