(SZ) Die Intelligenz der Tiere wird meist unterschätzt, obwohl Experimente gezeigt haben, dass beispielsweise Raben Denksportaufgaben bewältigen, die der normale deutsche Steuerzahler nicht einmal mithilfe von KI zu lösen vermag. Die alten Germanen wussten das noch, ihnen galten Raben als Göttervögel, denen man gewisse Schwächen im Fach Belcanto nachsah. Heute wird das Gekrächze als Ruhestörung empfunden, aber dennoch genießen die klugen Vögel einen gewissen Respekt, auch wenn viele Eltern noch zögern, sie als Nachhilfelehrer für ihre lernschwachen Kinder einzusetzen. Ganz anders und leider beträchtlich unvorteilhafter ist das Image der Schafe. Hummeldumm, so die allgemeine Expertise, sei das Schaf, noch dümmer als Erbtante Elise, dazu unfähig zu heldenhaften Taten, und, wie der große Tier-Profiler Alfred Brehm schrieb, ein „willenloser Knecht“ im Dienste des Menschen, unausstehlich und charakterlos „ohne Gleichen“. Im Kriminalfilm stehen Schafherden gern bei Verfolgungsjagden im Weg, und bis die begriffsstutzigen Tiere den Ernst der Lage erkannt haben, sind die Verbrecher über alle Berge. Seltsam ungerührt bleiben Schafe auch, wenn man sie „Pulloverschweine“ nennt. Fast könnte man meinen, sie verstünden kein Deutsch.
Aber vielleicht, nein, ganz gewiss ist das alles Unsinn, denn das Beispiel einer Schafherde in Neckargemünd-Mückenloch lehrt, dass unter den Wollpullovern große, gütige Herzen stecken. Die Sache begann, als die Kuh „Mücke“, die auf dem Weg zum Schlachthof war, ausbüxte und in den Wald floh, wo sie wochenlang im Untergrund lebte. Eines Tages stand Mücke vor der Herde des Schäfers Alfons Gimber und muhte sinngemäß: „Hier will ich sein, hier komm’ ich heim, hier will ich bleiben.“ Die Kuh legte sich zu den 200 Schafen, und zusammen hatten sie eine gute Zeit. Leider durfte Mücke nicht mit, als die Herde weiterzog. Die Ausreißerin lebt jetzt auf einem Gnadenhof in Hessen.
Zweifellos ist Mücke eine Freiheitsheldin, gleichrangig mit ihrer Artgenossin Yvonne, die 2011 monatelang in den Wäldern bei Mühldorf untergetaucht war, und dem Kölner Schimpansen Petermann, der bei seiner Flucht im Kugelhagel der Polizei starb, angeblich mit erhobener linker Faust. Aber sind nicht auch die 200 Schafe, die der Kuh Asyl gewährten, so etwas wie Helden? Sie hätten ja sagen können: „Schleich dich, Rindvieh! Du bist keine von uns. Du störst hier das Landschaftsbild. Geh zurück nach Kuhdistan!“ Haben sie aber nicht. Stattdessen durfte Mücke unbehelligt neben den Lämmern grasen, und selbst mit den oft mürrischen Hammeln kriegte sie sich nie in die Wolle. Schafe sind gutmütige, moralisch gefestigte Wesen: Sie sind großzügig gegenüber Fremden, nur wenn ein Mensch kommt, werden sie misstrauisch. Deshalb kennen die cleversten Schafe immer einen Fluchtweg in den Wald.