GlosseDas Streiflicht

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Der Kuckuck ist vermutlich der unangenehmste Vertreter der heimischen Vogelwelt. Warum ist ausgerechnet nach ihm eine dekorative Uhr benannt?

(SZ) Der Kuckuck verdankt seine Existenz einer Art hybrider Kriegsführung. Er legt kleineren Vögeln ein Ei ins Nest, aus dem beizeiten ein garstiges dickes Wesen schlüpft und seine angeblichen Geschwister in die Tiefe stürzt – nicht unähnlich den fiesen Extragalaktischen aus der „Alien“-Reihe. Die Kuckuckseltern sind Vogelkundlern schon früh durch dissoziales Verhalten aufgefallen. Der stumpfe und an Partnerin wie Brut bemerkenswert desinteressierte Vater wäre längst der toxischen Männlichkeit bezichtigt worden, hätte nicht Alfred Brehm auch den Ruf von Mutter Kuckuck kräftig gerupft. Das Weibchen nämlich flattere „regellos durch verschiedene Gebiete der Männchen, bindet sich an keines von diesen, zieht seinerseits auf Liebesabenteuer aus, und kümmert sich, nachdem seine Wünsche Befriedigung fanden, nicht mehr um den Liebhaber.“

Es ist bedauerlich, dass der alte Tierflüsterer den digitalen „Spiegel-Loveletter“ nicht mehr erleben durfte, für den er sich mit derlei Ausführungen jederzeit als Autor qualifiziert hätte. Die Kolumne will zu „mehr Glück in Liebe und Beziehung“ beitragen, zuletzt durch einen Beitrag, der den Frauen gegen ihren von konventionellen Rollenbildern verschuldeten Verdruss an der Partnerschaft den Zauber des Seitensprungs nahelegt. Dazu könnte das Kuckuckspaar ein lustiges Lied beitragen, wäre ihm nur die Kunst des Singens gegeben. Leider kreischt es bloß quälende Varianten des Rufs „Kuckuck“, eine Beleidigung für das Ohr jedes seriösen Singvogels.

Ebenso klingt die Kuckucksuhr, eine der erstaunlichsten Schöpfungen jenes unheimlichen Wesens, das man als deutsches Gemüt bezeichnet. Je nach Einstellung hopst der federgezogene Kuckuck alle halbe oder ganze Stunde aus einem hässlichen Häuschen hervor, das die Arbeitsgruppe Stadtbild der AfD entworfen haben könnte, und schreit nach Kräften herum. Seit bald zwei Jahrhunderten kaufen auswärtige Besucher diese Uhren im Schwarzwald und bringen sie den nichts Böses ahnenden Lieben daheim mit. Zuletzt freilich schien die Reputation des Vogels nachzulassen. So schrieb ein türkisches Touristenpaar zwar erwartungsvoll auf Tripadvisor: „Between Schonach and Triberg, you can see Schwarzwald’s biggest Kuckuck clock.“ Der Anblick des „ugly Kuckuck“ aber nahm die beiden dermaßen mit, dass sie anderen Reisenden rieten, den Ort nur aufzusuchen, wenn der scheußliche Vogel ruhe. Ob es an solchen Erfahrungen liegt, dass sich der Absatz der Kuckucksuhren zuletzt negativ entwickelte? Der Verein für die Schwarzwalduhr wünscht sich als Gegenmaßnahme, dass sie ins Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen werden, ein Plan von einiger kulturpolitischer Kühnheit. Doch die Kuckucksuhrenbauer müssen sich keine Sorgen machen. Nicht umsonst heißt es schon im alten Kinderlied: „Kuckuck, Kuckuck, lässt nicht sein Schrei’n.“

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