GlosseDas Streiflicht

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Wenn ein Likör ohne Ei den Leuten schmeckt, sollte man nicht zwanghaft nach einem besseren Namen für diesen Schnaps suchen. Dies überzeugt sogar das Landgericht Kiel.

(SZ) Mit oder ohne? Diese Frage kann zaudernden Menschen schwer zusetzen. Weil sie nicht kindlich genug denken. Denn in einer kurzen Phase der an kurzen Phasen reichen frühen Kindheit erobern sich Drei- bis Vierjährige die sprachliche Welt durch eine Formel, die in ihren Möglichkeiten von den sogenannten Erwachsenen in falsch verstandenem Hoheitswissen immer ignoriert wurde. Wenn etwas fehlt, greifen Mädchen wie Jungen zu einer Formulierung, die ermöglicht, dass es trotzdem da ist. Sie geben also dem fehlenden Gegenstand oder Lebewesen einen bleibenden Wert, indem sie die Klassifizierung „mit ohne“ heranziehen. „Bei Oma gibt es nur Eis mit ohne Schokolade.“ Diese Wertschätzung für das Abwesende wird mit zunehmendem Alter ins sprachliche Exil verbannt. Es gibt zwar mittlerweile ein alkoholfreies Weizenbier, das „Mit Ohne“ heißt. Welche lebenskluge Kraft der frühkindliche Geist uns damit in die Hand gibt, blieb aber weitgehend ein Geheimnis der Sprachwissenschaft.

Gleichwohl ist nun am Landgericht Kiel ein Urteil ergangen, welches die Einstellung zum Fehlenden, das doch immer da ist, grundsätzlich verändern könnte: Das Gericht hat die Klage des Schutzverbandes der Spirituosenindustrie zurückgewiesen, dass ein Hersteller sein Produkt nicht „Likör ohne Ei“ nennen dürfe. Der Verband hatte argumentiert, der Verbraucher würde durch die Formulierung verwirrt, denn es würde ja eine gedankliche Verbindung zum Eierlikör hergestellt, die nicht erlaubt sei. Die Nachlass Warlich GmbH aus dem schleswig-holsteinischen Henstedt-Ulzburg destilliert eigentlich Rum und bietet auch Eierlikör an. Beim „Likör ohne Ei“ handelt es sich allerdings um einen veganen Likör auf Sojabasis mit Rum. So weit die Fakten, die einen ein wenig blümerant zurücklassen, als hätte man zu viel Rum mit Ei oder womöglich auch Rum ohne Ei konsumiert. Das Landgericht befand jedenfalls, dass „ohne Ei“ eine ausreichende Abgrenzung zum Eierlikör sei. „Weil es eben nicht Eierlikör ist.“

Was sich daraus ergibt außer neuen Produkten wie Braten ohne Schwein, wenn es sich um ein veganes Stück Fleisch handelt? An vieles dürfen wir jetzt denken, selbst wenn es gar nicht relevant oder gemeint ist, aber es doch immerhin verdient hat, seine Kreise in unserem runtergedimmten KI-Gehirn zu drehen. Dazu gehört der oft als bodenständiger Aperitif unterschätzte Eierlikör on the Rocks, der schon so manchem den Abend ohne Feier versüßt hat. Zum Beispiel können wir jetzt offiziell von einer Regierungskoalition mit ohne Grüne sprechen und uns entspannt daran erinnern, wie viel Habeck’sche Verbindung auf Baerbockbasis noch immer darin steckt, oder uns ganz offen einen Merz mit ohne Friedrich den Großen wünschen und letztlich froh sein, dass durch „mit ohne“ in Deutschland nichts leichter, aber vielleicht vieles kinderfreundlicher wird.

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