GlosseDas Streiflicht

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Es ist in manchen Kreisen üblich geworden, den Pudding mit der Gabel zu essen. Und man darf sagen: Es hat schon unsinnigere Moden gegeben.

(SZ) Das Wort „Anstand“ ruft bei deutsch-völkischen Aktivisten ebenso wie bei königlich-amerikanischen Trumpisten nur höhnisches Gelächter hervor. Anstand, haha – das ist was für Schwächlinge. Der Starke muss sich nicht anständig benehmen, Rücksichtnahme, Mitleid und dergleichen moralischer Firlefanz würden ihn nur bremsen auf seiner Crashtour durchs Leben. So tönt es aus den Propagandakanälen der Rechtsextremen, und wer gutes Benehmen immer schon als Freiheitsberaubung empfand, ist begeistert. Doch dies nur am Rande, alle weiteren Grundsatzfragen zu Freiheit, Sklaven- und Herrenmoral möge Richard David Precht abschließend klären. Hier aber geht es um das Alltagsprogramm des guten Lebens, das einige, oft verlachte Benimmregeln enthält. Eine der wichtigsten Fragen lautet: Welches Besteck gehört zu welcher Speise? Suppe zum Beispiel löffelt der Gentleman nicht mit der Gabel, und liegt Fisch auf dem Teller, hat das Messer Pause. Zumindest früher war das so, in den seligen Zeiten, als die Etikette der Bundeszuchtmeisterin Erica Pappritz noch galt. Heute, da der Fisch vorwiegend aus im Meer aufgeschnapptem Mikroplastik besteht, säße man ohne Messer auf verlorenem Posten.

Was den Verzehr eines Puddings betrifft, sind sich Influencerinnen und die Experten des Bundesministeriums für Ernährung einig: Pudding isst man mit dem Löffel, vorzugsweise mit einem Dessertlöffel. Doch auch in dieser Sache regt sich Widerstand, und wie so oft steckt die Jugend dahinter. Seit Monaten treffen sich junge Menschen, um gemeinsam Pudding zu essen. Und jetzt kommt’s: mit der Gabel! Ob in Karlsruhe, Berlin oder den wilden Südstaaten Bayern und Österreich – stets ist es dasselbe Ritual. Junge Frauen und Männer, oft mehrere Hundert, zählen runter bis zur Null, klopfen mit der Gabel auf den Puddingbecher, reißen ihn auf und gabeln ihn leer. Der Aufruf dazu kommt von den Herren Tiktok und Instagram. Was war das für ein dürftiges Leben, ehe die beiden in die Welt traten.

Natürlich schüttelt der zum Rentnerdasein verurteilte Boomer erst einmal den Kopf: Ach, diese Generation Z – hat nicht alle Tassen im Schrank und jetzt verwechselt sie noch Gabel und Löffel. Gelingt es ihm aber, die einschlägigen Internet-Kanäle zu öffnen, hört er von den Pudding-Gablern: „In dieser Zeit, wo die Welt eh schon kaputt ist“, tue es gut, „etwas Absurdes zu machen und Spaß zu haben“. Ist da nicht was dran? Ist es nicht eine charmante Idee, mit Freunden und Fremden Unsinn zu treiben, eine lustige Spinnerei, bei der es mal nicht darum geht, irgendwelche Zwecke oder Pflichten erfüllen zu müssen? Wer Pudding mit der Gabel isst, läuft sachte aus dem Ruder, ohne irgendwem in die Quere zu kommen. Das ist ein Moment heiterer Entspannung in einer Zeit, in der das Besteck der Mächtigen Knüppel und Kettensägen sind.

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