GlosseDas Streiflicht

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Der Musiker Mark Wood hat die Asche seines Vater in einer Gitarre verarbeiten lassen. Das hat Vorzüge, die weit über das Pragmatische hinausgehen.

(SZ) Kunst soll das irdische Dasein der Menschen, die sie feiert, überdauern. Doch diese Form der Unsterblichkeit hat ihre Tücken. Selbstbewusst rief William Shakespeare im herrlich poetisch betitelten „Sonett 18“ seinem „Fair Youth“ zu: „So lang ein Mensch noch lebt, ein Auge sieht,/ So lang lebt dies, und du in diesem Lied.“ Da der Dichter uns den Namen des Adressaten vorenthielt, bleibt dessen literarisches Nachleben jedoch frustrierend anonym. Bildhauerei und Malerei wiederum waren stets die Lieblingsdisziplinen jener, die sich für alle Zeiten in Pose werfen wollten. Aber auch das hält Fallstricke bereit: Dank diversen Marmorbüsten wissen wir zum Beispiel, dass der römische Kaiser Titus einen unschönen Quadratschädel hatte, und Juan Carreño de Mirandas Porträts Karls II. lassen vermuten, dass der König von Spanien den Mund kaum zu schließen vermochte. Wer will denn so in Erinnerung bleiben?

Eine befriedigende Form künstlerischer Verewigung ist noch immer die Musik. Man kann sich an ihrem Klang erfreuen, ohne zu wissen, wer genau eigentlich diese „Elise“ war, für die Beethoven sein berühmtes Klavierstück in a-Moll schrieb. Selbst eine Schnulze wie Elton Johns „Candle in the Wind“ funktioniert unabhängig davon, ob er sie nun für Marilyn Monroe oder Prinzessin Diana singt. Doch was, wenn sich die Sehnsucht nach musikalischem Gedenken mit dem Wunsch paart, der Person, die man verewigen möchte, auch weiterhin, gleichsam handfest, nahe zu sein? Dann macht man es so wie der britische Musiker Mark Wood. Sein Vater Keith Wood war vor drei Jahren gestorben und Mark wollte den Mann, der ihm das Gitarrenspiel beigebracht hatte und sein, wie er sagt, „größter Unterstützer“ im Leben gewesen war, irgendwie weiter physisch bei sich haben. Er bat daher einen mit ihm befreundeten Instrumentenbauer, Papas Asche in den Griffbretteinlagen einer Gitarre einzuarbeiten. Vermischt mit einem Spezialleim ruht Keith Wood nun im Holz eines Telecaster-Halses.

Das ist ein bisschen bizarr und sehr rührend. Vor allem aber erscheint der Verbau eines Vaters in einem Instrument wie die perfekte Verbindung der besten Aspekte künstlerischer Unsterblichkeit: Man sieht einen konkreten, mit Kunstfertigkeit verfertigten Gegenstand, der aber nicht wie ein Porträt etwaigen körperlichen Unzulänglichkeiten des Dargestellten unterworfen ist. Vielmehr birgt er, neben Spurenelementen seines Körpers, vor allem den Geist des Menschen in sich. Jedes Mal, wenn die Saiten erklingen wird nun die Asche tröstend im Holz des Instrumentes mitschwingen, entkörperlicht und doch als Teil des Klangs. Und schließlich gibt es noch eine ganz praktische Funktion, die Keith künftig zukommt: Wie im Leben wird er seinem Sohn weiterhin eine Stütze sein. Nur eben in Form von Griffbrett-Pünktchen.

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