(SZ) In den wie ein verlorenes Paradies zurückliegenden Zeiten, als die Abendnachrichten noch nicht einer Freakshow machtbesoffener Männer glichen, war es peinlich, als Schleimer zu gelten. In jeder Schulklasse gab es einen, und wer ihn nicht Schleimer nannte, hieß ihn Speichellecker oder Kriecher – Letzteres gern in Verbindung mit einem Wort, für das sich jeder, dem es jetzt einfällt, schämen sollte. Der Schleimer nickte nach jedem Satz des Lehrers bewundernd mit dem Kopf, und beim Wandertag trug er dessen Rucksack bis zum Gipfel und zurück. Natürlich luden die Mitschüler und Mitschülerinnen so einen Typen nie zur Party ein, womöglich brächte der den gesamten Lehrkörper mit. Ebenso unbeliebt ist der Schleimer am Arbeitsplatz. Er gilt als schamloser Karrierist, der bei jeder Konferenz den Chef für dessen bahnbrechende Ideen lobt, oft mit genau jenen Sätzen, die man selbst gerade vortragen wollte. Solche Leute lassen das Betriebsklima auf den Nullpunkt sinken, was sich erst wieder ändert, wenn ein Neuling nach dem Weg zum Chefbüro fragt. „Immer der Schleimspur nach!“
Es ist sonderbar, aber irgendwie drängt sich in diesem Zusammenhang der Gedanke an den Nato-Generalsekretär Mark Rutte auf. Ob Rutte auch seinem Lehrer den Rucksack getragen hat, ist zwar nicht verbürgt; kein Zweifel aber besteht, dass er den US-Präsidenten Trump zuletzt in einer Weise umschmeichelt hat, deren Schleimdichte den Hofpoeten und Eunuchen am kaiserlichen Hof zu Byzanz zur Ehre gereicht hätte. „Europa wird gewaltig Geld hinlegen, wie es das tun sollte, und das wird dein Sieg sein“, lobhudelte Rutte unter anderem. In Anbetracht dieser Tonlage wäre es nicht verwunderlich gewesen, hätte der Nato-Chef aus den Niederlanden dem siegreichen Trump die Westfriesischen Inseln zu Füßen gelegt, als kleine Entschädigung für den Skandal, dass die Dänen Grönland nicht rausrücken.
Unter besseren Umständen hätte Ruttes Anwanzerei die Frage aufgeworfen, ob er auf der nach oben offenen Peinlichkeitsskala unterhalb der US-Minister Hegseth und Kennedy rangiert oder bereits darüber. Stattdessen erntet Rutte Lob von allen Seiten, man feiert ihn als Top-Charmeur, dem es gelungen ist, Trump bei Laune zu halten. Gipfeltreffen westlicher Politiker gleichen ja mittlerweile einer Familienzusammenkunft, bei der alle die ebenso belächelte wie gefürchtete Erbtante so hauchzart umgarnen, dass ihr obligatorischer Wutausbruch samt anschließender Enterbung ausbleibt. Man mag es bedauern, aber an dieser Tatsache lässt sich nicht rutteln: Der Schleimer ist der Mann der Stunde. Er ist es, der in einer Welt voller Halb- und Ganz-Autokraten die diplomatischen Kanäle mittels Bauchpinselei offenhält. Der Weg zu Männern wie Trump führt über die Schleimspur. Wer sie verfehlt, wird zur Schnecke gemacht.