GlosseDas Streiflicht

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Hermann Unterstöger hat das „Streiflicht“ zu einer Heimat für das flügelleichte Wort gemacht. Müssen wir jetzt wirklich ohne ihn auskommen?

(SZ) Was wir nun ohne ihn tun sollen? Auf diese Frage hätte Hermann Unterstöger sofort eine Antwort parat gehabt: Weitermachen natürlich. Schließlich machen die anderen in der Welt ja auch weiter, die Dummen und Bösen, die Großmäuler und Kleingeister, aus deren unseligem, für das Streiflicht gleichwohl ertragreichen Wirken auch Unterstöger seinen Nutzen gezogen, er selbst hätte gesagt: seinen Honig gesaugt hat. Denn das hat der ewig junge Hermann Unterstöger uns inzwischen auch schon recht alt dreinschauenden Jungen bis zuletzt zu zeigen versucht: wie man die Spinne so geschickt im Bernstein des Streiflichts einlegt, dass sie wie eine Libelle aussieht. Natürlich beherrschte keiner diese feine Verwandlungskunst so wie er, und wenn wir einmal in der Woche einen Unterstöger links oben auf der Eins hatten, sah es sogar so aus, als würde die Libelle über der ganzen Seite ihre flirrenden Kreise ziehen.

Ganz früher, als das Streiflicht noch keine Heimat für Libellen war, hat Hermann Unterstöger in Landshut Fenster eingebaut. Er erzählte einmal davon, wie er die Sache irgendwann dicke hatte und den letzten Fensterrahmen, den es einzusetzen galt, mit ein paar Hammerschlägen schief und undicht ins Mauerwerk trieb. Es war vermutlich das einzige, ganz sicher aber das letzte schiefe Werk, das Unterstöger abgeliefert hat. Und wenn die Stadt Landshut ein wenig besser auf ihre Kulturgüter aufgepasst hätte, könnte man das Unterstöger-Abschiedsfenster heute noch besichtigen. Es wäre ein Unikat, denn alles andere, was Hermann Unterstöger danach anfasste, war Millimeterarbeit, nicht nur, weil die Länge seiner Texte auf wundersame Weise auf Anhieb ins Fenster des Artikelmusters passte – niemandem außer ihm gelingt das. Hermann Unterstöger schrieb Sätze, die ihren Zauber aus der Genauigkeit bezogen. Es waren keine dürren, um künstliche Präzision bemühten Sätze ohne Wagemut. Im Gegenteil konnte man jedem Satz dabei zuschauen, wie er vom festen Grund abhob, weit oben an Fahrt gewann und dabei nichts von dem abwerfen musste, was Unterstöger ihm an Kostbarem mitgegeben hatte. Ein von Hermann Unterstöger geschriebener Satz musste sich glücklich und unbeschwert fühlen. Das heißt aber nicht, dass seine Sätze harmlos oder ungefährlich waren. Wen er ein bisschen piesacken wollte, der hat es gespürt. Die meisten fühlten sich geehrt, ein paar wenige sind beleidigt, aber die verstehen eben nichts vom Segen der zärtlichen Ohrfeige, wie ihn nur die flügelzarte Libelle erteilen kann.

Wir sind sehr traurig, weil wir nun ohne Hermann Unterstöger auskommen müssen. Aber müssen wir das denn wirklich, bloß weil er jetzt etwas weiter oben seine Libellenkreise zieht? Danke, Hermann, alter Freund! Danke für alles. Aber du weißt ja: Solange wir hier links oben sind, wirst du auch mit uns sein.

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