GlosseDas Streiflicht

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Der Sommer bringt es an den Tag: Man muss aushalten, was andere anhaben. Sogar die Würde des Bundestags gerät in Gefahr.

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(SZ) Der Meinungsexhibitionismus ist eines der Kennzeichen der allmählich zu Ende gehenden Postmoderne. (Es ist noch ungewiss, was auf die Postmoderne folgt. Die Präapokalypse? Die Infantilismusära? Das Digitalbiedermeier?) Talkshows, Podcasts, Dokudramen, Blogs, Getiktoke – nahezu jeder und jede will „wahrgenommen“ werden. Man soll „zuhören“ und „aushalten“, und zwar auf Augen- beziehungsweise Ohrenhöhe. Die eher postmodern-biedermeierliche Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hat in letzter Zeit im Bundestag zweimal das Aushalten eingeschränkt. Einmal verwies sie einen Linken, der seine Mütze nicht abnehmen wollte, des Saales. Das andere Mal schickte sie eine Linke nach draußen, weil die ein Sweatshirt mit dem Aufdruck „Palestine“ trug. Das Bundestagspräsidium ist unter anderem dafür zuständig, die Würde des Bundestags zu wahren. Allerdings gibt es in der Ära des Meinungsexhibitionismus sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, was der Würde des Parlaments entgegensteht.

Man könnte argumentieren, dass die Existenz einer großen AfD-Fraktion die Würde des Bundestags ziemlich beschädigt. Das sehen jedoch mehr als 20 Prozent der Wähler anders. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit auch groß, dass die Mehrzahl dieser Wähler bedenkenlos dreiviertellange Cargohosen oder high-waisted Stretchpolyesterleggins trägt. In Deutschland hat nicht nur die Neigung zu extremen Meinungen zugenommen, sondern auch die Neigung zu extremer Kleidung, die, wie Meinungen auch, aber als „normal“ empfunden wird. Man möge nur in den Tagen des beginnenden Sommers einen Spaziergang in einer Innenstadt machen. Dort stößt man auf viele Menschen, denen es gelingt, mit dem, was sie anhaben, ein Kleidungsamalgam aus Frankfurter Bahnhofsviertel, Tuttlinger Stadthalle und Bautzener Frühlingsfest zu schaffen. Nein, die Fußgängerzone als solche hat keine Würde. Hätte sie denn eine, könnte keine Fußgängerzonenpräsidentin diese retten.

Was jemand anzieht, gehört zu ihrer oder seiner ureigenen Privatsphäre. Wenn einer unbedingt immer eine Mütze tragen will, soll er das tun – es sei denn, das Mützentragen verstößt gegen die Hausordnung. Im ästhetischen Bereich haben solche Bestimmungen einer Hausordnung ebenfalls subjektive Ursachen, beruhen aber zumeist auf Tradition oder sonstigem Konsens. Tradition und Konsens wiederum haben in der Meinungsexhibitionsära einen schweren Stand. Schließlich zählen bedruckte T-Shirts, weiß besohlte Sneaker, Jagdhund-Krawatten oder Palästinensertücher irgendwie auch zur Meinungsäußerung, die man aushalten müssen darf. Gegenmittel? Lange Hosen, Mützen nur im Freien bei Regengefahr, F. Scott Fitzgerald lesen und an Stings Song „An Englishman in New York“ denken: Confront your enemies, avoid them when you can, stell dich deinen Feinden, vermeide sie, wenn du kannst.

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