GlosseDas Streiflicht

Lesezeit: 2 Min.

Manche Leute muss man zum Jagen tragen. Aber wenn man sie dorthin gebracht hat, steht man vor neuen Herausforderungen.

(SZ) Olaf Scholz muss sich in den Tagen vor der Wahl so einiges anhören, nicht nur vom Kanzlerkandidaten der Union, Friedrich Merz. Zum Beispiel, wenn sich die beiden beim Wahlduell, stets um ein Mindestmaß an persönlicher Wertschätzung bemüht, gegenseitig bescheinigen, dass der andere von Politik keine Ahnung hat. Scholz lächelt das weg. Da wiegt schon schwerer, dass Elon Musk ihn einen Narren genannt hat. Aber dieser Musk hat auch Frank-Walter Steinmeier einen „undemokratischen Tyrannen“ gescholten. Und sich einen Mann mit diesem Vornamen als Despoten vorzustellen, ist ungefähr so wie J. D. Vance als Gewinner von „Germany’s Next Topmodel“. Vielleicht hat Scholz daran gedacht, als er sagte, man müsse cool bleiben. Das dürfte ihm nun bei der jüngsten persönlichen Einordnung durch Winfried Kretschmann auch nicht schwerfallen. Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg hat die Bund-Länder-Beziehungen als schlecht bezeichnet und das laut dpa so begründet: „Den Bundeskanzler Scholz musste man ja immer zum Jagen tragen, dass der mal gnädigerweise bereit war, zusammen Sitzungen zu machen.“

Kretschmann ist bekanntlich Fußballfan, und wer sich über seine weiteren Hobbys kundig macht, erfährt, dass ihm womöglich bei der Gartenarbeit solche Sachen durch den Kopf gehen. Jedenfalls gilt er nicht als Jäger, der weiß, was alles bei der Jagd passieren kann. Aber im sprachpopulären Sinn ist er damit in der Mitte Deutschlands angekommen, bei Millionen Deutschen, die diese Redewendung benutzen, wenn sie ausdrücken möchten, dass jemand nicht aus dem Quark kommt oder man ihm beim Laufen die Schuhe besohlen kann. Alles etwas schlichter, aber auch immer noch besser, als zur Jagd getragen zu werden, um im Gegensatz zu Jägern mit der Lizenz zum Töten mit zitterndem Gewehr auf Hirsche und Rehe zu ballern.

Sicher, in Bayern schauen die Leute immer noch mit dem Ofenrohr ins Gebirg’, wenn was danebengeht. Und so ist die Jagd auch nur ein Sinnbild für das tätige Leben. Die Jagd ist der Einsatz an der politischen Front. Helmut Kohl ließ bei feierlichen Gelegenheiten gerne „Ein Jäger aus Kurpfalz“ spielen, vermutlich auch deshalb, weil darin ein Pfälzer die Hauptperson ist. In dem Lied geht es so frivol auf der Jagd zu, dass nur die ersten drei Strophen als salonfähig gelten. Aber schon die erste lässt keine Fragen offen, was von diesem Jäger zu halten ist: „Ein Jäger aus Kurpfalz / Der reitet durch den grünen Wald / Er schießt das Wild daher / Gleich wie es ihm gefällt.“ Wollen wir so einen undemokratischen Tyrannen wirklich haben? Alexander Gauland hat nach der Wahl 2017 über Angela Merkel gesagt: „Wir werden sie jagen.“ Allerdings schon damals in einem Alter, dass man ihn in den Wald tragen musste, wo er dann vor lauter Bäumen keine Merkel gesehen hat.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

SZ Stellenmarkt
:Entdecken Sie attraktive Jobs

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: