Glosse:Das Streiflicht

Lesezeit: 2 min

Die Kafka-Feierlichkeiten sind über ihrem Zenit. Das Wort "kafkaesk" bleibt und muss nun zeigen, was in ihm steckt.

(SZ) Der Sprachwissenschaftler Wolfgang Pöckl hat einmal von einer schönen Panne berichtet. Sie ereignete sich bei der Übersetzung des Begriffs "les peintres caravagesques" ins Deutsche. Anstelle der eigentlich gemeinten "caravaggesken Maler", also der in der Art Caravaggios arbeitenden Maler, tauchten "die umherwandernden Maler" auf, was wohl darauf zurückzuführen war, dass das Wort caravane (Karawane oder Wohnwagen) sich ungefragt in den Übersetzungsvorgang gedrängt hatte. Nun ist zwar das Caravaggeske selbst unter sogenannten Gebildeten kein Wort, das man spontan und locker ins bessere Gespräch einstreut, aber ganz so exotisch, wie es sich anhört, ist es auch wieder nicht. Die Wortbildung des Deutschen geht mit dem Baustein -esk vergleichsweise liberal um, eine Großzügigkeit, die es der Frankfurter Allgemeinen einmal möglich machte, ihren Lesern das "karajanesk-barenboimsche Ideal vom schön sich entfaltenden Melos" in Erinnerung zu rufen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: