(SZ) Der schöne, unter Umständen mit leichten Beklemmungen einhergehende Brauch, dass Kinder zu Weihnachten ein Gedicht aufsagen, gilt als rührend, zauberhaft, aber auch als veraltet. Außerdem, so der maulende Volksmund, würden Kinder ja heutzutage keine Gedichte mehr auswendig können, und sowieso sei diese Art der Darbietung nichts Besseres als ein verspäteter Gruß aus dem 19. Jahrhundert, jenem großen Zeitalter der bürgerlichen Bildungsbemühung also, dem ja auch sehr viele Kindergedichte zu verdanken seien. Alles Quatsch, ehrlich gesagt. Das christliche Magazin Chrismon hat einmal bei Eltern herumfragen lassen, was sie vom Gedichteaufsagen halten, und siehe da: 96 Prozent der Befragten (die Befragten sind ja auch eine interessante soziale Gruppe) fanden es gut. Die Kinder sollen also, bevor sie beschert werden, ihrerseits eine kleine Kulturleistung erbringen. Das ist alles andere als unwoke und durchaus im gepflegten Feld der familiären Achtsamkeit zu Hause.
GlosseDas Streiflicht
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