(SZ) In der noch jungen Geschichte von Internet-Selfmade-Stars taucht auch ein Mann auf, der sich beim Singen in seinem Auto auf dem Weg zur Arbeit selbst aufgenommen hat. Hunderttausende Follower hat Uwe Baltner auf seinem Instagram-Account gesammelt. Menschen, die es wohl ermutigt, dass ein Mann sich traut zu zeigen, wie laut er in seinem Fiat 500 jedes Poplied verhunzen kann und wie gut er sich dabei fühlt. Was Baltner allerdings bislang versagt blieb, ist ein Platz in den Charts. Der Mann ist ein Hit, aber einen eigenen Hit hat er noch nicht gelandet. Was dem Schwaben nicht gelungen ist, hat nun der Schotte Nathan Evans, 26, geschafft. Der Postbote hat auf Tiktok seine Interpretation des Seemannsliedes "The Wellerman" gepostet und es damit bis in die britischen Charts geschafft. In der härtesten Währung des Internets, den Likes, hat er schon 150 Millionen angespart.
Evans sieht das Ganze mit der gebotenen schottischen Nüchternheit, wenn er der dpa sagt: "Das ist definitiv sehr verrückt." Aber dieser Verrücktheit wollte er dann doch in nichts nachstehen und kündigte sofort seinen Job und unterschrieb einen Plattenvertrag. Den Erfolg erklärt sich Evans mit der guten Laune, die dieses Shanty erzeugt. "Der Song ist einfach für jeden etwas zum Lächeln." Gerade im aktuellen Lockdown, wo alle zu Hause säßen, habe das bestens funktioniert. Tatsächlich erzählt das mehr als 150 Jahre alte Lied, das die Band The Longest Johns berühmt gemacht hat, von der Ankunft des Wellerman, der eines Tages Zucker und Tee und Rum bringt. Also alles, was man im Lockdown so braucht, um sich einen gemütlichen Nachmittag zu machen und im Shanty-Rhythmus durchs Wohnzimmer zu schwanken wie auf dem Stillen Ozean.
Weil die Zeiten offenbar so schlecht sind, dass jetzt jeder im Netz anfängt, von einem Versorgungsschiff der Weller-Brüder zu singen, das gute Sachen zu Walfängern brachte - auch echte Stars wie Gary Barlow von Take That -, müssen wir uns auf einiges gefasst machen. Shantys gehören zu den gefürchtetsten Vertretern der Ohrwurm-Familie. Wer in seinem Leben auch nur ein einziges Mal, und sei es im Schlaf, "What shall we do with the Drunken Sailor?" gehört hat, wird dieses Schunkellied nie wieder aus dem Kopf kriegen. Shantys nisten sich besonders gern im Gehirn von Süßwassermatrosen ein und schaffen dort irgendwo zwischen Klein-und Großhirn ein Areal, das "Shanty-Hole" genannt wird. Dort liegt jetzt auch krisenfest "The Wellerman". Um ihn wenigstens kurz loszuwerden, hilft nur möglichst lautes, gut gelauntes Grölen. Am besten öffentlich. Evans hätte das während seiner Arbeit als Postbote erledigen können. Was soll's? Bei einem Tee mit Rum lässt sich jedes Shanty aushalten, sogar wenn man es sich immer wieder selbst vorsingt - bis dann endlich der Wellerman kommt.