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Glosse:Das Streiflicht

(SZ) Genau so muss man es machen: die erfreulichsten Ereignisse und Personen benennen, wenn das Jahr noch ganz jung und unverbraucht ist. Auf ein verwelktes Jahr zurückschauen und aus dem trockenen Laub die schönsten Beeren klauben, das kann ja wohl jeder. Wer im Jahr 2017 der erfolgreichste Neurowissenschaftler, welches das interessanteste Wort, welcher der weiseste Trump-Satz war - all dies sind Küren, deren leichte Herstellbarkeit gähnen macht. Der Zukunft gehört unsere Aufmerksamkeit, und in der Zukunft wollen wir uns mit schönen und nützlichen Dingen umgeben. Wenn es uns sogar gelingen sollte, beides, das Schöne und das Nützliche, in einer Gestalt zu vereinen, dann sehen wir ein Wesen vor uns stehen, das uns gleichermaßen fremd und vertraut ist, kurz gesagt: Wir sehen ein Schaf. Und wir wissen, das Schaf ist so, wie wir gerne wären. Deshalb rufen wir, wie die Feuilletonisten sagen würden, das innere Schaf in uns auf.

Unser inneres Schaf ist die Blaupause unserer Sanftmut; so wie das Schaf soll unsere seelische Verfassung sein, mal weiß, mal schwarz, aber immer irgendwie angenehm anzufassen. Unser inneres Schaf ist das Wappentier einer besseren Welt. Es ruft uns zur Teamfähigkeit auf, es zeigt uns, dass es nicht schlimm ist, wenn man blöd in die Welt glotzt, es mäht den inneren Rasen in uns, es lässt uns innehalten und die Welt als Wolle und Vorstellung begreifen, kurz: Es macht "mäh" in uns.

Aus exakt diesen Gründen hat das "Bündnis Mensch und Tier" - eines der erfreulicheren Bündnisse unserer immer haltloser werdenden Welt - das Schaf nun zum "Haustier des Jahres" ernannt. Wir Deutsche schreiben mit 2018 also das Jahr des Schafs und stehen, man muss es wohl so sagen, ein bisschen belämmert vor der Aufgabe, dieses zarte und reinweiße Tier mit dem ganzen Schutt in Einklang zu bringen, welchen die Weltgeschichte bereits abwirft, ehe sie stattgefunden hat. Wird es eine stabile Regierung in Deutschland geben? Oder muss das demnächst auch Sebastian Kurz übernehmen? Wird Markus Söder der letzte CSU-Ministerpräsident in Bayern sein und sich eines Tages von eigener Hand die Krone auf das Haupt setzen? Wird es wieder viel stürmen in diesem Jahr und wird die Bahn die Oberleitung komplett abschaffen, weil sie sowieso immer einen Schaden hat - also die Oberleitung? Wir fragen uns diese Sachen, wir. Aber das Schaf fragt nur danach, ob es eine gute Weide zur Verfügung hat, so genügsam ist das Schaf. Ist es nachtragend? Wird es den Chinesen ewig böse sein, weil diese zuletzt 2015 das Jahr des Schafs schrieben und weniger Kinder zeugten, weil sie keine Söhne und Töchter im Jahr des Schafs zur Welt bringen wollten? Ach, woher denn. Das Schaf wird immer eine wollige Insel der Friedfertigkeit unter all den Scharfmachern sein.