Glosse Das Streiflicht

(SZ) Für "reload" findet sich in englischen Wörterbüchern neben anderen Definitionen diese: "Etwas nachladen, vornehmlich ein Gewehr, das bereits abgefeuert wurde." So gesehen wären Goethes Werke lauter Flinten, aus denen von Fall zu Fall ein Schuss fällt und die dann wieder nachgeladen werden müssen. Goethe reloaded also. Wie das in der Praxis geht, kann man an seinem vielfach verfeuerten "Mailied" beobachten. Dessen erste Strophe änderte sich im Rahmen eines auf die Schnupfenzeit zielenden Reloads folgendermaßen: "Wie eisig leuchtet / Mir die Natur! / Kaum glänzt die Sonne! / Es schnieft die Flur!" Nicht alle Reloader machen es sich derart leicht. Die meisten haben den Ehrgeiz, ihr Reloading so anzulegen, dass das Sujet eine völlig neue Deutung, um nicht zu sagen Sinnaufladung erfährt. Wenn das gelingt, kommen Bücher heraus wie jenes von Dieter Gurkasch, der viele Jahre im Knast saß. Dabei fand er nicht nur zu Gott, sondern über Yoga auch zur inneren Freiheit. Titel seiner Confessio: "Leben reloaded."

Der am meisten neu geladene Schriftsteller ist Franz Kafka. Zum Teil hat er sich das selber zuzuschreiben, weil er Werke hinterlassen hat, in denen es um die Verlorenheit des Menschen vor den undurchschaubaren, anonymen und kalten Institutionen geht. Für Reloader kleineren Zuschnitts ist das eine willkommene Vorlage beziehungsweise, wie sie gern sagen, Blaupause, um diverse Alltagsärgernisse auf die Ebene des Existenziellen zu wuchten. Einmal widerfuhr es einem Mann, dass er beim Zustelldienst ein Paket abholen sollte, das nicht hatte ausgeliefert werden können. Da er keinen Personalausweis bei sich hatte, ging das Paket an den Versender zurück, und der Betrogene machte die Sache im Internet unter der anklagenden Überschrift "Kafka reloaded" publik. Wieso Kafka? Man sollte dessen "Prozess" wieder einmal nachlesen, womöglich geht es darin gar nicht um Leben und Tod und ein mysteriöses Urteil, sondern um ein nicht zustellbares Paket Karlsbader Oblaten.

In Kafkas berühmtester Erzählung wird Gregor Samsa über Nacht in ein Ungeziefer verwandelt, genau genommen in einen riesigen Käfer, und mit dieser Metamorphose beginnt sein Untergang. Entfernt erinnert das an die von Ovid überlieferte Geschichte der Arachne, die in eine Spinne verwandelt wurde. Das kam aber nicht von einer Laune des Schicksals, sondern weil Arachne, deren Webkünste gerühmt wurden, die Göttin Athene zum Wettstreit herausgefordert hatte. Von Gregor Samsa ist nichts dergleichen bekannt; wer weiß, ob Kafka andernfalls seine Novelle nicht "Ovid reloaded" genannt hätte. Dieser Tage hat Klaus Lemke einen neuen Film angekündigt, dessen Held zu einem Voodoomonster mutiert. "Kafka reloaded", fügte Lemke hinzu. Kafkaforscher arbeiten seither an Voodoopuppen mit karierten Kappen alias Schiebermützen. Lemke reloaded?