Glosse Das Streiflicht

(SZ) Soeben hat Die Zeit sehr viele Seiten der Mutter gewidmet. 13 Reporter, so heißt es vielversprechend, schreiben über die Mutter, "die wichtigste Frau der Welt". Es dürfte zwar gefühlt mehrere Hundert Millionen Schwiegertöchter geben, die das etwas anders sehen, aber das nur nebenbei. Die erste wichtigste Frau der Welt, welche die Wochenzeitung uns also vorstellt, scheint eine dieser ganz starken, modernen Frauen zu sein, die Kinder, Beruf und private Neigungen aufs Vorbildlichste miteinander verbinden. Es ist - bitte, wir zitieren nur - die "Porno-Mama" namens "Dirty Tina", 47. Sie habe 350 Hardcorefilme gedreht, liest man, und der Autor des Beitrags schreibt hocherfreut: "Eine Bewegung aus dem Volk erhebt die reife Frau zu einer Ikone der Lust." Da erfasste uns ein heiliger Schauder, und wir ließen das Blatt sinken. Wenn die schon so anfangen - was für Kaliber sind dann die anderen zwölf wichtigsten Frauen der Welt? Ist Elisabeth Báthory darunter, die Blutgräfin vom Schreckensschloss Čachtice? Außerdem, nun ja, also wir hatten die ikonische Bewegung hin zur Porno-Mama bislang übersehen und wollen gar nicht erst anfangen, darüber nachzudenken, was dieses Versäumnis über uns aussagen mag. Lieber schnell zurück zum Thema; es kommt nämlich näher wie ein leise heranschleichendes Grauen. Am Sonntag ist Muttertag.

Männer vergessen den Muttertag immer und überall auf der Welt. Alle Mütter auf der Welt werfen ihnen das immer und überall vor. Die Söhne mögen im Büro Großmeister der Ausreden sein, aber gegenüber der Mutter versagt jede Ausflucht. Die Söhne vergessen es einfach. Und die Mütter wissen das genau und nutzen es, um den Söhnen ein noch schlechteres Gewissen zu machen, als es ihnen ohnehin schon gelungen ist. Vielleicht wäre die Welt ein besserer Ort, wenn es gar keine Mütter gäbe; das lehrt die Psychologie. Die meisten Mütter sind demnach wie Raubvögel. Sie behüten ihre Brut mit Bissen und Klauen; in der Folge sind die Kinder - besonders die Söhne - später außerstande, ein Spiegelei zu braten, ohne versehentlich den Häuserblock niederzubrennen. Sind die Mütter aber, wie es vorkommt, überspannte Borderlinerinnen, die sich ausschließlich für sich selbst interessieren und jede ihrer ungezählten Launen für das ganz große Gefühl halten; dann werden die Kinder - besonders die Söhne - später kontaktgestörte Serienmörder, welche die Lockenwickler ihrer Opfer bei Mondlicht vergraben. Insgesamt ist es jedenfalls besser, den Muttertag nicht wieder zu vergessen.

Da wir gerade schon darüber sprechen: Die letzte der eingangs erwähnten Reportagen über die wichtigste Frau der Welt heißt übrigens "Titelthema Mütter: Was treibt Söhne dazu, ihre Mutter umzubringen?" Was bleibt noch zu sagen? Einen schönen Muttertag!