Globale Krisen Streben wir nicht alle nach dem goldenen Steak?

Im Prinzip strebt jeder, auf seine Weise und nach seinen Möglichkeiten, wie Franck Ribéry nach dem goldenen Steak.

(Foto: dpa)

Der Mensch will mehr Geld, mehr Macht, mehr Fernreisen. Doch die elementaren Probleme unserer Zeit erledigen sich nicht von selbst. Schluss mit der Maßlosigkeit.

Kommentar von Detlef Esslinger

Eventuell irrt Erich Fromm ja doch. Eventuell stimmt es nicht, was der Sozialphilosoph zu den Krisen der Welt einst geschrieben hat: "Während im Privatleben nur ein Wahnsinniger bei der Bedrohung seiner gesamten Existenz untätig bleiben würde, unternehmen die für das öffentliche Wohl Verantwortlichen praktisch nichts, und diejenigen, die sich ihnen anvertraut haben, lassen sie gewähren."

Ein Korn der Hoffnung zum Beispiel ist, dass es jetzt viele Tausend Menschen gibt, die zumindest den Schluss von Fromms Satz aktiv bestreiten: all die Schüler, die beschlossen haben, freitags zu schwänzen - bis die Politiker sich endlich zum Klimaschutz entschließen. Nächsten Freitag wollen sie zur Großdemonstration nach Berlin. Ihre Frage ist: Wozu sollen wir für die Zukunft lernen, wenn ihr sie mit eurer Klimapolitik verspielt?

Eine interessante Woche wird das: Während Menschen, die sich den "für das öffentliche Wohl Verantwortlichen" anvertraut haben, in die Hauptstadt aufbrechen, kommen viele eben jener Verantwortlichen von Dienstag an bei einer Art Klassentreffen zusammen, dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Dieser Klub mag für Außenstehende die Anmutung eines Kaviargelages der oberen Zehntausend haben. Doch er hat großen Wert. Unternehmer und Politiker können dort auf engem Raum der Frage nicht ausweichen, ob sie etwas anzufangen wissen mit all den Kapitänspatenten, mit denen sie ihre Führung legitimieren.

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Vor dem Treffen stellen die Veranstalter stets einen demoskopischen Bericht zusammen, den sie "Global Risk Report" nennen. Was diesmal darin steht, ist erschreckend. 91 Prozent der Befragten vermuten, dass in diesem Jahr das Risiko ökonomischer Konfrontationen zwischen Großmächten zunehmen wird. 82 Prozent befürchten, dass die Gefahr von Cyberattacken steigt; 64 Prozent glauben, dass die Staaten beim Klimaschutz weniger zusammenarbeiten werden, und 59 Prozent, dass der Zorn auf die Eliten wächst. Jedes Problem für sich genommen ist bereits elementar. Was jedoch bedeutet es, wenn all diese Probleme erstens zusammenhängen und zweitens sich seit Jahren quasi übereinander stapeln?

Wenig ist in der Klimapolitik besser geworden, zu groß bleiben die Unterschiede zwischen reichen und armen Ländern. Zusätzlich gibt es Spannungen zwischen den USA, Russland und China, die weitaus größer sind als vor zehn oder 15 Jahren. Cyberattacken sind keine Science-Fiction mehr, sondern Realität. Digitale Netzwerke (irrtümlich "soziale Medien" genannt) wurden von virtuellen Treffs zu gesellschaftlichen Brandbeschleunigern.

Zutreffend heißt es im "Global Risk Report", dass die multipolare Welt zugleich multikonzeptionell ist, dass sicher geglaubte Regeln infrage stehen, dass Unterschiede in fundamentalen Normen die Zukunft prägen könnten. "Gerät die Welt schlafwandelnd in eine Krise?", fragen die Autoren - Bezug nehmend auf das Buch des Historikers Christopher Clark, in dem er nachzeichnete, wie Staatskapitäne einst den Ersten Weltkrieg auslösten, ohne dies gezielt geplant zu haben.

Im Prinzip strebt jeder wie Franck Ribéry nach dem goldenen Steak

Das Bezeichnende an vielen Krisen ist ihr gemeinsamer Kern. "Ich kann nie zufrieden sein, denn meine Wünsche sind endlos", schreibt Erich Fromm, "ich muss jene beneiden, die mehr haben als ich, und mich vor jenen fürchten, die weniger haben als ich." Es handelt sich mitnichten um neue Sätze; Fromm starb 1980.

"Haben oder Sein" gehört zu den Klassikern, es handelt sich um eine 1976 verfasste Studie über das Wesen des Menschen, der sich auf radikalen Hedonismus hat trimmen lassen. Dieser Mensch will: mehr Geld, mehr Macht, mehr Fernreisen, mehr Autos. Im Prinzip strebt jeder, auf seine Weise und nach seinen Möglichkeiten, wie Franck Ribéry nach dem goldenen Steak. "Die Habsucht muss zu endlosen Klassenkämpfen führen", sagt Fromm. Ermöglicht werde sie, indem Energie, Intelligenz und Begeisterung für die Realisierung technischer statt sozialer Utopien aufgewandt wird - sowie durch Blindheit dafür, "dass sich die Natur gegen die Raubgier der Menschen zur Wehr setzen wird". 43 Jahre sind Fromms Sätze alt, aber auf das Selbsterledigungsverfahren beim Bewältigen elementarer Probleme vertraut die Menschheit wie damals.

Großes wird oft in Kleinem sichtbar; so auch die Komplizenschaft zwischen Wählern und jenen, denen sie das öffentliche Wohl anvertrauen. So lehnt Verkehrsminister Andreas Scheuer den Vorschlag einer von ihm selbst eingesetzten Arbeitsgruppe ab, das Autobahn-Tempo auf 130 Stundenkilometer zu beschränken. Seine Worte: "völlig überzogen", "realitätsfern", "gegen jeden Menschenverstand". Er begründet die Ablehnung nicht fachlich - der Verkehrsminister, ein Mitglied der Elite, gibt an, keinen Zorn bei den Bürgern auslösen zu wollen. Wer ihm diese Sorge nehmen will, der fordere seine Kinder zum Schwänzen am nächsten Freitag auf und schicke sie zur Demo nach Berlin.

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