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Glauben am Osterfest:Zweifler werden für Störer gehalten

Den vielen Christgläubigen, die von ihrer Kirche nicht zur vermeintlich glaubensstarken, blindgläubigen Elite gezählt werden, wird der zweifelnde Apostel Thomas als Konzession an die eigene Schwäche zur Seite gestellt. Daran wird freilich von den Kirchen die Mahnung an die angeblich Schwachgläubigen geknüpft, doch bitte nicht immer alles begreifen zu wollen.

Dementsprechend wird denn von den christlichen Kirchen auch die biblische Seligpreisung interpretiert, in der es heißt: Selig sind, die (anders als Thomas) nicht sehen und doch glauben. Dieser angebliche Lobpreis derjenigen, die nicht skeptisch sind, nicht zweifeln und nicht immer Zeichen sehen wollen, passt den obersten Glaubens- und Ideologie-Funktionären gut ins Konzept.

Warum? Weil sie diejenigen, die fragen, zweifeln und den Finger in die Wunden legen wollen, eigentlich für Störer halten - für Leute also, die Schwierigkeiten machen. Man soll nicht den Finger in die Wunde legen.

Nichts wird gut, wenn man nichts dafür tut

Genau darum aber geht es: Der Wert einer Religion und einer Ideologie zeigt sich, wenn sie genau betrachtet werden und der Prüfung standhalten. Sie zeigt sich in den Wunden, die sie tragen. Wenn die Taten und Werke nichts taugen, dann stimmt etwas mit der Lehre nicht, auch wenn sie noch so schön daherkommt.

Um den Wert einer Idee, einer Religion, einer Weltanschauung festzustellen, muss man sehen, wie sie sich im Werk verkörpert. Anders formuliert: Der Glaube im Geist bleibt tot, wenn er sich nicht im Werk verkörpert. Die Figur des zweifelnden Thomas lehrt, dass der Auferstehungsglaube nicht aufgelöst werden darf in einem trivialen Optimismus des "Alles wird gut". Nichts wird gut, wenn man nichts dafür tut.

Eine Religion, die sich als Friedensbotschaft bezeichnet, deren Gläubige aber zum Hass aufrufen, ist unglaubwürdig. Eine Kirche, die Nächstenliebe predigt, ist überflüssig, wenn man diese Nächstenliebe in Alltag nichts spürt. Eine Ideologie, die allgemeines Wohlergehen verspricht, ist pervers, wenn sie um des Wohlergehens willen über Leichen geht.

Die Lehre von den segensreichen Kräften des freien Markts ist falsch, wenn und weil der freie Wettbewerb Menschen und Länder systematisch zugrunde richtet. Und ein Europa, das im Süden des Kontinents gewaltige Arbeitslosigkeit, schreiende Not und Verzweiflung produziert, ist kein gutes Europa.

Auch die schönste Idee braucht den Zweifel

Wenn Skepsis und Zweifel an einer Idee, Ideologie, Religion nicht mehr zugelassen werden, gebiert das Verzweiflung. Die Verzweiflung, die Finanzkapitalisten produziert haben, ist greifbar. Die Verzweiflung, die die EU jüngst im Süden Europas produziert hat, auch: Hoch verschuldete Staaten haben auf die Rettung der Banken mit der Kürzung von Sozialleistungen reagiert; die schiefe Verteilung des Reichtums in Europa wurde noch schiefer. Wenn Armut, Nationalismen und Feindseligkeiten zwischen den Ländern Europas wieder auferstehen: Dann müssen zumal die, die an Europa glauben, den Finger in die Wunde legen.

Auch die schönste Idee braucht den Zweifel. Und die österliche Nachricht für die europäische Idee ist, dass der Zweifel an der marktradikalen Ökonomie mittlerweile die Gesellschaft durchdringt.

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