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Glaube in Konflikten:"Der Schlüssel ist Vertrauen"

Inwiefern?

Die Religionsgemeinschaften sind jetzt tragende Kräfte, ein wichtiger Faktor bei der Versöhnung. Nicht nur zwischen Christen und Muslimen, auch zwischen unterschiedlichen islamischen Gruppen gibt es keine Probleme. Sunniten arbeiten zum Beispiel als Lehrer an einer Schule, die von der Ahmadiyya-Gemeinde betrieben wird - und andersherum. Manche Schulkinder stammen aus christlichen Familien. Das ist ein ganz anderes Erfahrungsfeld von Religion in einem nach wie vor sehr schwierigen Land.

Genau diese Konflikte innerhalb des Islams sind gerade ein großes Thema, vom Nahen Osten bis nach Pakistan. Wo liegt die Besonderheit dieser Auseinandersetzungen?

Wir können einiges erklären, wenn wir über Differenzen zwischen Schiiten und Sunniten sprechen. Doch das, was wir etwa in Syrien erleben, hat substanziell überhaupt nichts mit der Ermordung des Kalifen Ali im Jahr 661 [Auslöser für die Teilung des Islam in Schiiten und Sunniten, d. Red.] zu tun. Das wäre geradezu absurd.

Worum geht es denn?

Manchmal werden zentrale Figuren der Religionsgeschichte - sunnitische Kalifen oder schiitische Imame - von der jeweils anderen Seite delegitimiert. Das kann provozieren. Aber in aller Regel geht es eher um Familiengeschichten, identitätsstiftende Erzählungen aus jüngerer Zeit, die Militarisierung von Identitäten. Die inhaltlichen Differenzen der unterschiedlichen Richtungen des Islam selbst tragen nicht allzu viel zur Erklärung bei. Eher läuft es andersherum, wenn nämlich aktuelle Auseinandersetzungen in die Vergangenheit verlängert und damit weiter dramatisiert werden. So entsteht der Eindruck, als handele es sich um gleichsam ewige Feindschaften, an deren Gründen man sowieso nicht ran kommt, weil sie historisch so weit weg liegen. Solche Bilder sollten wir niemals einfach übernehmen.

Wenn wir in die Geschichte blicken: Gibt es bewährte Lösungsstrategien für Kriege und gewaltsame Auseinandersetzungen, die auf Glaubensfragen beruhen?

Es gibt Erfolgsbeispiele. Der Nordirlandkonflikt ist nach ein, zwei Generationen einigermaßen befriedet - auch wenn hin und wieder etwas aufflackert. Es geht darum, die andere Seite zu entdämonisieren. Entscheidend sind immer Akteure vor Ort und die Annäherung. Der Schlüssel ist Vertrauen, Vertrauen wirkt gegen Angst. Die Religionsgemeinschaften haben hier sowohl Möglichkeiten als auch Verantwortung. Doch Religion ist weder der alleinige Schlüssel zur Ursache noch zur Lösung politischer Konflikte.

Wie können Konflikt überhaupt befriedet werden?

Es gibt nicht überall Menschen von der Größe und Weisheit eines Nelson Mandela, die eine zerrissene Gesellschaft heilen können. Es ist oft ungeheuer schwierig, Vertrauen aufzubauen. Händeschütteln reicht nicht. Manchmal kann Moderation von außen hilfreich sein, zum Beispiel auch durch die Vereinten Nationen. Als Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit halte ich den Aufbau von öffentlichen und verlässlichen Institutionen für zentral. Am wichtigsten aber sind Begegnungen und Austausch auf Augenhöhe über vermeintliche Gruppengrenzen hinweg. Verantwortlich sind letztlich nicht die Religionen, sondern wir Menschen.

Linktipps: Im aktuellen Report von 2013 berichtet Heiner Bielefeldt über seine Aktivitäten als UN-Berichterstatter. Volker Rittberger und Andreas Hasenclever, Friedens- und Konfliktforscher, über "Religionen in Konflikten". Im SZ-Interview spricht Günther Schlee vom Max-Planck-Institut (MPI) für ethnologische Forschung über Konflikt- und Kriegsursachen.