G-20-Gipfel "Die Armen sind nur dazu gut, den Kaffee zu servieren"

Zornige Demonstranten verlangen in Buenos Aires Arbeit und Hilfe von der Regierung.

(Foto: REUTERS)

Vor dem Treffen der G 20 in Buenos Aires sagt der Aktivist Juan Grabois, Argentinien sei das Land derer, "die der Kapitalismus am Wegesrand übrig lässt".

Interview von Boris Herrmann, Buenos Aires

Der Jurist und Schriftsteller Juan Grabois, 35, ist einer der einflussreichsten Anführer sozialer Bewegungen in Argentinien. Er gründete den "Verband der Arbeiter der Volkswirtschaft" (CTEP) und die "Bewegung der ausgeschlossenen Arbeiter" (MTE), die sich u. a. für den Zugang von Müllsammlern und Straßenverkäufer zu Sozialleistungen, zur Rente und zur Gesundheitsversorgung einsetzen. Er selbst stammt aus einer wohlhabenden Familie und gilt als Freund des argentinischen Papstes Franziskus. Zuletzt erschien von Grabois das Buch "La Clase Peligrosa" (Die Klasse der Gefährlichen).

SZ: Herr Grabois, freuen sich die Argentinier auf den G-20-Gipfel? So viel Prominenz ist hier am Ende der Welt ja selten zu Gast.

Die meisten Argentinier werden sich freuen, wenn es vorbei ist. Die Politiker, die sich bei diesem Gipfel versammeln, haben nichts mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun, sie sprechen eine andere Sprache und scheren sich nicht um ihre Probleme.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Was sind die dringendsten Probleme der Argentinier?

Ein Drittel der Bevölkerung ist arm. Wegen der galoppierenden Inflation (rund 40 Prozent; Anm. d. Red.) ist das tägliche Leben für viele unerschwinglich geworden. Wir sind ein Land voller Marginalisierter und Ausgeschlossener. Ein Land von all jenen, die der Kapitalismus am Wegesrand übrig lässt. Es gibt aber auch eine sehr starke Gegenbewegung. Ich bin 35, meine Generation ist die Generation der Staatspleite von 2001. Wir haben begonnen, uns zu organisieren und zwar nicht auf Basis von Ideologien. Die CTEP ist ein Zusammenschluss von sozialen Bewegungen, in der es Müllsammler, Bauern, Straßenverkäufer gibt. Unser Hauptziel ist es, dass ein Teil der Rendite der wirtschaftlichen Eliten unter den vom Markt ausgeschlossenen informellen Arbeitern verteilt wird.

Juan Grabois ist einer der einflussreichsten Anführer sozialer Bewegungen in Argentinien.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Wird so etwas auch beim G-20-Gipfel diskutiert?

Sie machen Witze? Im gesamten Prozess von G 20 war die angebliche Teilhabe der Zivilgesellschaft eine einzige Lüge. Wen man in all den Foren und Gesprächen von G 20 garantiert nicht trifft, sind Arme. Die Armen sind nur dazu gut, um den Kaffee zu servieren.

Also hilft nur der Straßenprotest?

Ja, aber der soll ohne Gewalt von unserer Seite ablaufen. Wir haben eine lange Tradition des gewaltlosen Widerstandes in Argentinien. Wir sind keine Autonomen, kein Schwarzer Block, wir sind Demokraten. Aber wir sind viele. Die Regierung von Präsident Macri will wiederum jede Form des Protests unterbinden. Sie will sich der Welt als eine Regierung präsentieren, die alles komplett unter Kontrolle hat.

Bei dem wegen schweren Randalen abgesagten Fußball-Endspiel um die Copa Libertadores am vergangenen Wochenende in Buenos Aires war von dieser Kontrolle aber nicht viel zu sehen.

Ich glaube es war Marx, der sagte: Die Geschichte spielt sich erst als Tragödie und dann als Farce ab. In Argentinien ist es jedenfalls so. Wir hatten hier eine Tragödie, das war die Fußballweltmeisterschaft 1978, weil diese WM die Gräueltaten der Militärdiktatur überdeckte. Jetzt erleben wir eine Farce. Dieses Land ist nicht in der Lage, ein Fußballspiel zu organisieren, bei dem nicht einmal Auswärtsfans zugelassen wären. Und gleichzeitig will es der Welt einen komplett störungsfreien G 20-Gipfel vorführen. Die argentinische Regierung befindet sich deshalb in einem Zustand der Paranoia, der sich in einem autoritären, gewalttätigen und repressiven Vorgehen gegen jede Art von Protest äußert.

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Nennen Sie ein Beispiel.

In der vergangenen Woche wurden zwei Vertreter unserer Organisation ermordet, mutmaßlich von Polizisten. Dazu kamen mehrere gewaltsame Festnahmen. Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien, aber ich glaube auch nicht an Zufälle. Diese Vorfälle stehen in Verbindung mit einer offensichtlichen Politik der Einschüchterung. Es gibt eine permanente Kampagne, um Menschen, die friedlich protestieren, als Schläger zu stigmatisieren und sie zu kriminalisieren.

Woher rührt die außergewöhnliche Protestkultur in Argentinien?

Das Volk spürt, dass es eine sehr große Schere zwischen dem Potenzial und der Realität dieses Landes gibt. Wir reden über ein Land, das Nahrungsmittel für 400 Millionen Menschen produziert, in dem aber 40 Prozent der Kinder in Armut leben und sehr viele unterernährt sind. Über ein Land, das einmal das beste Bildungssystem des Kontinents hatte und es heute implodieren lässt. Schulen werden geschlossen, überall fällt der Unterricht aus. Und wir reden über ein Land, das einmal die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt war und heute ein treudoofes Anhängsel der USA und des Internationale Währungsfonds ist. Argentinien ist heute ein Dritte-Welt-Land mit dem französischen Duft alter Tage. Deshalb gibt es hier dieses Gefühl der kollektiven Frustration.

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