Plagiate in Doktorarbeiten:Die Folgen geistiger Eigentumsdelikte

Karl Theodor zu Guttenberg (CSU) und Annette Schavan (CDU) sind beide wegen Plagiatsaffären zurückgetreten.

Karl Theodor zu Guttenberg (CSU) und Annette Schavan (CDU) sind beide wegen Plagiatsaffären zurückgetreten.

(Foto: DPA, Imago)

Immer wieder haben Plagiatsaffären bei akademischen Abschlussarbeiten die Karriere von Politikern beendet. Bei Bundesfamilienministerin Franziska Giffey könnte das anders sein.

Von Roland Preuß, München

Karl-Theodor zu Guttenberg, Annette Schavan, nun auch Franziska Giffey. Alle drei Mitglieder des Bundeskabinetts haben im Zuge von Plagiatsaffären ihre Ämter verloren. Und doch passt die zurückgetretene Bundesfamilienministerin nicht so ganz in diese Reihe der Rücktritte. Für Guttenberg und Schavan bedeutete der Rückzug das Ende ihrer politischen Karriere. Franziska Giffey aber könnte die erste sein, die trotz Rücktritt und einer Aberkennung ihres Doktorgrades weiterhin ganz vorne mitmischt in der deutschen Politik. Das hat auch damit zu tun, wie sie mit der Affäre umgegangen ist - eine Aufgabe, an der einige vor ihr gescheitert sind.

Seit der Plagiatsaffäre des damaligen Verteidigungsministers Guttenberg 2011 ist klar, welcher Karrierekiller ein Plagiatsverfahren sein kann. Der damalige Umfragekönig scheiterte mit dem Versuch, die ungekennzeichnete Übernahme fremden geistigen Eigentums in seiner Doktorarbeit als Problem falsch gesetzter Fußnoten kleinzureden und den Vorwurf als "abstrus" abzukanzeln (später bereute er diese Reaktion und nannte sie "dumm und töricht").

Kanzlerin Angela Merkel versuchte Guttenberg zu stützen mit den Worten, sie habe ja "keinen wissenschaftlichen Assistenten" berufen, auch der damalige CSU-Chef Horst Seehofer verteidigte ihn wacker - doch es half alles nichts. Die Empörung war zu groß, Tausende gingen gegen den Umgang mit den Vorwürfen auf die Straße, wütende Resolutionen forderten das Recht der Wissenschaft ein. Gut zwei Wochen nach Beginn der Affäre trat der CSU-Politiker zurück. Der Fall hat auch Maßstäbe gesetzt: Wer als Plagiator überführt ist und den Doktorgrad verliert, von dem wird der Rückzug erwartet.

Im Umgang mit Plagiatsaffären lässt sich seitdem ein Muster erkennen. Politikerinnen und Politiker, auch Guttenberg und Giffey, beteuerten meist, sie hätten ihre Arbeit "nach bestem Wissen und Gewissen" verfasst, sie baten ihre Hochschule selbst um eine Prüfung der Vorwürfe und benutzten ihren Doktortitel nicht mehr, etwa auf ihrer Homepage.

Beteuern, Fehler einräumen, schweigen

Zum Instrumentenkasten der Affärenbewältigung zählt auch die Entschuldigung und das Einräumen von Fehlern, die freilich nicht allzu gravierend seien. Und das Argument, man habe eben anders zitiert und sei damit einer anderen Tradition gefolgt, die solche unsauberen Textübernahmen angeblich erlaubt. Im Übrigen aber versuchen Betroffene die Angriffe durch Schweigen zu überstehen, um das Thema nicht am Köcheln zu halten - meist verbunden mit dem Verweis auf das laufende Verfahren ihrer Alma Mater. Los wird man die Sache so trotzdem nicht. Auch Franziska Giffey wurde in Interviews hartnäckig nach ihrem Plagiatsverfahren gefragt.

Letztlich aber hängt alles an der Entscheidung der Hochschule. Daran ändert auch ein öffentlicher Verzicht auf den Doktortitel nichts, denn der Doktor ist ein akademischer Grad, der von der zuständigen akademischen Einrichtung aberkannt wird und nicht mal eben so von der Visitenkarte gestrichen werden kann. Er ist keine Privatsache.

Und hier, das zeigen die Affären seit Guttenberg, ist der entscheidende Schritt der Entzug des Grades. Wenn die Hochschule lediglich Fehler feststellt oder methodische Mängel kritisiert, aber den Doktorgrad belässt, ist die Sache in der Regel schnell ausgestanden. Das zeigte sich bei Ursula von der Leyen, die ihren Doktor von der Medizinischen Hochschule Hannover trotz "klarer Mängel" behalten durfte, ebenso wie der heutige niedersächsische CDU-Vorsitzende und Vize-Ministerpräsident Bernd Althusmann, dem die Universität Potsdam bescheinigt hatte, geschlampt zu haben - aber nicht betrogen.

Und mit Betrug werden Plagiate in der Regel gleichgesetzt, insbesondere, wenn sich die Kopiererei in der Doktorarbeit als systematisches Vorgehen entpuppt. Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist dies ein gravierender Vorgang. Es geht um den Diebstahl geistigen Eigentums, in den Gutachten der universitären Plagiatsprüfer ist deshalb von Vorsatz und Täuschung die Rede, wie bei einer Straftat. Dementsprechend tief ist der Fall, mit dem Titel gehen der Ruf und oft auch die berufliche Existenz verloren.

Giffeys Lage ist vergleichsweise kommod

Auch bei Franziska Giffey spricht viel dafür, dass ihr die Freie Universität Berlin den Doktorgrad entziehen wird. Die Politikerin kennt das Schlussgutachten der Uni bereits und nutzt nun offenbar die Gelegenheit, dem Unvermeidlichen durch Rücktritt zuvorzukommen. Guttenberg und Schavan gingen als Getriebene, Franziska Giffey dagegen wahrt so wenigstens den Anschein, selbst Konsequenzen zu ziehen. Auch Politiker anderer Parteien zollten ihr Respekt für den Rücktritt.

Mit dieser vergleichsweise kommoden Ausgangslage tritt sie als Spitzenkandidatin der Berliner SPD zur Abgeordnetenhauswahl Ende September an. Gut möglich, dass den Berlinern ihre Bilanz als Bundesministerin und ihre Popularität wichtiger sind, als ein Plagiatsverfahren, das sich seit mehr als zwei Jahren hinzieht. Ein gutes Ergebnis wäre Giffeys politische Resozialisierung durch die Wähler.

© SZ/skle
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Leserdiskussion
:Giffeys Rücktritt nach Plagiatsaffäre: Ihre Meinung

Nachdem Familienministerin Franziska Giffey bereits 2019 wegen Plagiatsverdachts in der Kritik stand, wurde nun ein weiterer Prüfbericht abgeschlossen. Noch vor einer Stellungnahme tritt Giffey zurück. Die SPD Berlin will an ihr als Spitzenkandidatin für die OB-Wahl festhalten.

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