Gewerkschaften:Yasmin Fahimi wird neue DGB-Chefin

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Gewerkschaften: Yasmin Fahimi ist an diesem Montag an die Spitze des Deutschen Gewerkschaftsbunds gewählt worden - als erste Frau nach 72 Jahren.

Yasmin Fahimi ist an diesem Montag an die Spitze des Deutschen Gewerkschaftsbunds gewählt worden - als erste Frau nach 72 Jahren.

(Foto: Janine Schmitz/imago)

Die langjährige Gewerkschafterin und SPD-Politikerin wird nach monatelangem Tauziehen gekürt. Zuvor hatte Verdi ihren Lebensgefährten an der Spitze der Dachgewerkschaft verhindert.

Von Alexander Hagelüken und Benedikt Peters

Bevor es zu peinlich wurde, haben es die Gewerkschaften doch noch geschafft: Yasmin Fahimi wird neue Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Der Bundesvorstand nominierte die Kandidatin am Mittwoch nach einer monatelangen Hängepartie. Damit dürfte von Mai an erstmals eine Frau an der Spitze des Dachverbands der deutschen Gewerkschaften stehen.

Fahimi war zuletzt vor allem als SPD-Politikerin tätig. 2014 wurde sie Generalsekretärin der Partei, später Staatssekretärin im Arbeitsministerium. Seit 2017 sitzt sie im Bundestag, wo sie eher dem linken Parteiflügel angehört. Von 1998 bis 2014 war die Diplom-Chemikerin bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) in verschiedenen Positionen tätig. Auf den neuen Posten soll die 54-Jährige Ende Mai auf dem DGB-Kongress gewählt werden.

"Fahimi ist politisch erfahren und hat zugleich lange Zeit bei einer Gewerkschaft gearbeitet", heißt es bei den Arbeitnehmervertretern. "Sie gibt die richtigen Antworten auf die ökologische und digitale Transformation der Wirtschaft."

Der Entscheidung für Fahimi ging ein monatelanges Tauziehen voraus. Seit Langem steht fest, dass Reiner Hoffmann das Amt des DGB-Chefs im Mai abgeben wird - "dann bin ich kurz vor meinem 67. Geburtstag und gehe in Rente", sagte Hoffmann 2021 der SZ. Doch auf einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin konnten sich die DGB-Gewerkschaften über viele Monate nicht einigen.

Im Rennen lag zuerst eine andere Kandidatin

Als Favoritin galt zunächst Christiane Benner, die stellvertretende Vorsitzende der IG Metall. Nach Ansicht vieler Beobachter hätte das gepasst: Den ungeschriebenen Gewerkschaftsgesetzen zufolge haben die Metaller dieses Mal das Vorschlagsrecht, nachdem die letzten beiden DGB-Chefs von den anderen großen Gewerkschaften kamen: Michael Sommer von 2002 bis 2014 von Verdi, sein Nachfolger Reiner Hoffmann von der IG BCE.

Außerdem, so war vielfach zu hören, sei es endlich an der Zeit für eine Frau an der Spitze des Dachverbands. Doch Benner nahm sich selbst aus dem Spiel; ihr Platz sei in der IG Metall, sagte sie der Stuttgarter Zeitung. Als schlecht gehütetes Geheimnis gilt, dass die 53-Jährige lieber den IG-Metall-Chef Jörg Hofmann beerben würde, wenn der im Herbst 2023 aus dem Amt scheidet - notfalls auch über eine Kampfkandidatur gegen einen der einflussreichen Regionalchefs der Gewerkschaft wie Roman Zitzelsberger.

Eine weitere Kandidatin war lange nicht in Sicht, was auch daran liegt, dass die Führungsgremien der meisten DGB-Gewerkschaften noch immer von Männern dominiert werden. Im Herbst tauchte dann schließlich der Name Anja Piel auf, die bereits Vorstandsmitglied des DGB ist - sowie der Name Irene Schulz, einer eher unbekannten IG-Metall-Vorständin. Gegen Piel gab es den Einwand, dass die frühere Grünen-Politikerin noch zu wenig Erfahrung bei den Gewerkschaften gesammelt hat. Sie wechselte erst 2020 zum DGB.

Die Chefin muss vor allem ein Sprachrohr sein

Nachdem es mit der Berufung einer Frau an die Spitze zunächst nichts wurde, stellte sich Michael Vassiliadis für das Amt zur Verfügung. Der Chef der drittgrößten Gewerkschaft IG BCE tat das "aus Verantwortung", wie er sagt, um den Posten angemessen auszufüllen. Er hatte sich erst vergangenen Herbst an der Spitze der IG BCE bestätigen lassen. Doch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi blockierte die Berufung des politisch moderaten Vassiliadis, der ihr zu wenig links sein soll. Ironische Volte: Die neue Kandidatin Yasmin Fahimi ist seine Lebensgefährtin.

Der DGB-Chef wird gerne als "Deutschlands oberster Gewerkschafter" bezeichnet, dabei ist das falsch. Gewerkschaften führen in erster Linie Tarifverhandlungen, der Dachverband DGB tut das nicht. Er ist vor allem das Sprachrohr seiner acht Mitgliedsgewerkschaften, der ihre Interessen bündeln und mit Macht nach außen vertreten soll. Deshalb streben machtbewusste Arbeitnehmervertreter wie Christiane Benner oft lieber an die Spitze einer Einzelgewerkschaft.

Der DGB-Chef spricht für knapp sechs Millionen Mitglieder der einzelnen Gewerkschaften. Deren Zahl ist allerdings seit vielen Jahren rückläufig - ebenso wie die Zahl der Menschen, die in Deutschland nach Tarif bezahlt werden. Trotz zahlreicher engagierter Wortmeldungen konnte daran auch der scheidende DGB-Chef Hoffmann nichts ändern. Aus den Einzelgewerkschaften gibt es auch Kritik an Hoffmann. Der Gewerkschaftsbund müsse in der Öffentlichkeit und der Politik viel präsenter sein, klagt ein einflussreicher Gewerkschaftschef. Nun liegt es an Yasmin Fahimi zu zeigen, wie sie es machen will.

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