Gewehr G36:Schneller Ersatz gefordert

Der vollständige Austausch des umstrittenen Gewehrs würde bis zu zehn Jahre dauern, schätzt eine Fachbehörde der Bundeswehr.

Von Christoph Hickmann, Berlin

Das harte Urteil eines Expertenteams über das umstrittene Sturmgewehr G36 lässt den Druck auf Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) wachsen, möglichst schnell Abhilfe zu schaffen. Während das Planungsamt der Bundeswehr eine schnelle Ersatzlösung für aktuelle Einsätze empfiehlt, kommen aus der Politik Forderungen, bald eine Entscheidung über ein neues Standardgewehr zu treffen. Der Hersteller Heckler & Koch wehrte sich gegen die Kritik an der Waffe und erhob seinerseits Vorwürfe gegen des Ministerium.

Der Abschlussbericht zu der bereits im Sommer 2014 in Auftrag gegebenen Untersuchung war am Freitag im Ministerium eingegangen. Das Wehrwissenschaftliche Institut für Werk- und Betriebsstoffe, das Fraunhofer Ernst-Mach-Institut und die Wehrtechnische Dienststelle 91 kommen darin zu der Bewertung, das G36 erfülle nicht die heutigen Anforderungen der Bundeswehr. Demnach sinkt die Treffwahrscheinlichkeit bei heißgeschossener Waffe und hoher Außentemperatur unter die aus Sicht der Truppe akzeptable Marke.

Bundeswehr

Das G36, hier bei einer Schießübung, ist für den "Einsatz nur eingeschränkt tauglich", so das Planungsamt.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

In der beigefügten "taktisch-operativen Bewertung" der Ergebnisse durch das Planungsamt der Bundeswehr wird die "Prüfung einer kurzfristigen Beschaffung geeigneter Sturmgewehre mit geeigneter Munition als Interimslösung für die Bedarfe aktueller Einsätze" empfohlen - wobei, so heißt es weiter, hier verschiedene Punkte berücksichtigt werden müssten, etwa ob es in den Fahrzeugen im Einsatz die entsprechenden Waffenhalterungen gebe.

Über das G36 heißt es in der Bewertung des Planungsamts: "Die Waffe ist für den Einsatz nur eingeschränkt tauglich und daher nicht in vollem Umfang einsatzreif." Es gebe "eine erhebliche Fähigkeitslücke", die man "im Sinne der Überlebens- und Durchhaltefähigkeit" so schnell wie möglich schließen müsse. "In fordernden Gefechtssituationen ist das gezielte, präzise Bekämpfen eines Gegners nicht zuverlässig möglich." Die Untersuchungen hätten gezeigt, dass durch den Effekt der Erwärmung nach dem Verschuss von zwei Magazinen "ein gezieltes Treffen des Gegners nicht mehr zuverlässig gewährleistet" sei.

Der Untersuchung wurde ein Schießrhythmus zugrunde gelegt, wie ihn Bundeswehr-Soldaten anwenden könnten, wenn sie in einen Hinterhalt geraten. Vorgesehen war unter anderem, Feuerstöße mit kurzen Pausen dazwischen abzugeben, wodurch sich die Waffe rasch erhitzt. Als in den Neunzigerjahren die Entscheidung zur Beschaffung des G36 fiel, ging man nicht von solchen Gefechten aus - allerdings schreibt das Planungsamt, bereits in der sogenannten Taktisch-Technischen Forderung von 1993 seien "vergleichbare" Szenarien zugrunde gelegt worden.

Peschmerga finden G36 "super"

Die kurdischen Peschmerga-Kämpfer im Irak haben keine Probleme mit dem umstrittenen Sturmgewehr G36. "Bei uns hat es keinerlei technische Probleme mit dem G36 gegeben. Im Gegenteil: Die Waffe ist super", sagte der Peschmerga-Minister Mustafa Sajid Kadir. "Sie funktioniert einwandfrei. Wir hätten gerne mehr davon." Die Bundeswehr hatte den Kurden im vergangenen Jahr zusammen mit anderen Waffen 8000 G36-Gewehre für ihren Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat geschenkt.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums wird das G36 in 37 Ländern von Streitkräften und Polizeieinheiten genutzt. Die Armeen Litauens und Lettlands haben das Gewehr wie die Bundeswehr zur Standardwaffe gemacht. Probleme gibt es dort aber nicht. Nach Angaben des lettischen Verteidigungsministeriums unterscheidet sich das dort genutzte Modell "erheblich" von der deutschen Variante. Bislang seien daran keine Probleme festgestellt worden, sagte eine Sprecherin. Auch im benachbarten Litauen ist die Affäre in Deutschland bislang kein Thema. Man sei sich zwar "bewusst, dass andere Länder mit Problemen bei der Genauigkeit und der Robustheit bestimmter Teile des G36 konfrontiert waren", sagte Generalmajor Jonas Vytautas Zukas, Befehlshaber der Armee. Litauen habe jedoch Pläne, zusätzliche G36 zu bestellen. dpa

Vorsichtiger als das Planungsamt äußert sich das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr in seiner Bewertung der Untersuchungsergebnisse. Zwar empfiehlt es ebenfalls, "eine materielle Lösung" (also wohl eine neue Waffe) anzustreben - dies sei aber kurzfristig "nicht erreichbar". Daher sei "eine mehrjährige Übergangslösung unter Rückgriff auf die in der Bundeswehr eingeführten Waffen erforderlich", so das Amt. Falls das G36 "vollständig abgelöst" werden müsse, werde "eine Zeitlinie von maximal 10 Jahren als realistisch angesehen". Das Amt empfiehlt zudem, den seit Mitte 2014 geltenden Beschaffungsstopp aufzuheben, um alte und verschlissene Exemplare des G36 ersetzen zu können.

Mit Verweis auf die Historie setzte sich Heckler & Koch zur Wehr. Eigentümer Andreas Heeschen sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, wer ein Cabrio bestellt habe, könne doch nicht Jahre später mit Frau und vier Kindern kommen und behaupten: "Das ist ein Mist-Auto - wir passen da nicht rein." Er sei sicher, dass "die Wahrheit" ans Licht komme. Es könne nicht sein, dass nach 20 Jahren entdeckt werde: "Das Gewehr taugt nichts." Bereits vor Bekanntwerden der genauen Untersuchungsergebnisse hatte das Unternehmen darauf verwiesen, dass alle G36 der Bundeswehr die vereinbarten technischen Lieferbedingungen erfüllten. Die Bundeswehr habe aber in der Zwischenzeit "offensichtlich unter bewusstem Ausschluss von Heckler & Koch" neue Prüfkriterien definiert. Die Firma fordert eine neue Untersuchung, und zwar unabhängig vom Verteidigungsministerium, das die jüngste Prüfung 2014 in Auftrag gegeben hatte.

Der designierte Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels forderte, es müsse "noch in diesem Jahr eine Entscheidung über eine Neubeschaffung geben". Es müsse klar sein, ob es eine neue Waffe geben und was diese können solle, sagte der Sozialdemokrat. Der Grünen-Verteidigungspolitiker Tobias Lindner plädierte in der Bild am Sonntag dafür, entweder das G36 zu verbessern oder zügig ein neues Gewehr zu beschaffen. Lindners Fraktionskollegin Agnieszka Brugger sagte, angesichts der neuen Untersuchungsergebnisse sei die Frage, "warum das Verteidigungsministerium über Jahre behauptet hat, dass das Gewehr tadellos und nicht Teil der Probleme sei". Ministerin von der Leyen dürfe sich nun nicht "aus der Verantwortung stehlen".

© SZ vom 20.04.2015
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