Gewalterfahrungen von Polizeibeamten:Traumatherapie - für Kriegsheimkehrer

Ihr Kollege Brauner ist mittlerweile wieder eingeschränkt arbeitsfähig, mehr als drei Jahre nach dem Überfall in der Toreinfahrt. Eine Kollegin, die damals einen Stein ins Gesicht bekommen hatte, quittierte den Dienst. Ein anderer hat sich inzwischen einer psychotherapeutischen Behandlung unterzogen. Brauner bearbeitet jetzt Ladendiebstähle und Einbrüche, darf keine Waffe mehr tragen, keinen Funkwagen mehr fahren. Nach seinem Zusammenbruch 2008 wurde er erst zum Chirurgen und zum Taucherarzt geschickt - und schließlich zum Psychiater. Der diagnostizierte eine posttraumatische Belastungsstörung.

Als Brauner nach Monaten wieder auf der Dienststelle erschien, begrüßte ihn sein damaliger Vorgesetzter mit den Worten, er werde ihm jetzt mal zeigen, was arbeiten heiße. Auch jetzt noch müsse er sich ständig dafür rechtfertigen, dass er nicht mit dem Wagen auf Streife rausfahren könne, wo er doch ein groß gewachsener, sportlicher Typ ist. Was soll so einem schon fehlen? "Es wäre besser gewesen, ich hätte mir den Arm gebrochen. Meine Karriere bei der Polizei ist beendet."

Der Kriminologe Pfeiffer fordert, dass die Polizisten in ihrer Ausbildung schon von Anfang an besser auf den Umgang mit Gewalt vorbereitet werden, und zwar nicht nur mittels Schießtraining und Nahkampfübungen. Er verweist auf Studien, wonach Menschen, die in ihrer Kindheit selbst Opfer von familiärer Gewalt wurden, später ein dreimal so hohes Risiko haben, erneut Gewalt zum Opfer zu fallen. Dies hänge möglicherweise mit ihrem Verhalten in Konfliktsituationen zusammen, glaubt er.

Ob das auch für Polizeibeamte gilt, hätte Pfeiffer in seiner Studie gerne untersucht. Doch die Gewerkschaft DPolG habe sich gesperrt gegen Fragen nach dem familiären Umfeld von Beamten und den Symptomen eines Burn-out-Syndroms. Aus Opfern dürften keinesfalls Täter gemacht werden, lautete das Argument der Gewerkschafter - ein krasses Missverständnis, wie Pfeiffer findet: Es gehe doch lediglich darum, Strategien zum Umgang mit Gewalterlebnissen zu finden.

Oberkommissar Brauner macht jetzt im Berliner Bundeswehrkrankenhaus eine spezielle Traumatherapie durch, die sonst Kriegsheimkehrer erhalten. Einmal hat er eine Liste aufgestellt mit all den schrecklichen Erlebnissen aus 25Dienstjahren. Es verging kaum eine Woche ohne den Anblick von Toten und Verletzten. Das sei womöglich zu viel gewesen für ihn, sagt er. Gut 20 Stunden Therapie hat Brauner schon hinter sich, 80 Stunden könnten es am Ende werden, bis er den Schrecken verarbeitet hat. Noch ist er nicht so weit: Wenn nur eine Kastanie aufs Autodach fällt, zuckt er zusammen.

Die Steinewerfer konnten unerkannt entkommen. Es hat sich auch niemand die Mühe gemacht, nach ihnen zu suchen. Ein Polizist sei in Berlin nichts mehr wert, glaubt Brauner.

Seine Bremer Kollegin Möhlenhof hat sich vorgenommen, künftig noch vorsichtiger zu sein. So nebenbei erzählt sie noch von einem Einsatz vor ein paar Tagen. Ein Busfahrer war zusammengeschlagen worden. Der Täter sprang einem der herbeigerufenen Polizisten mit den Beinen in den Rücken. "Der ist am nächsten Morgen wieder zum Dienst erschienen", sagt Möhlenhof. "Wir stecken das alles gut weg."

© SZ vom 03.08.2010/liv
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