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Gewaltbereite Neonazis:Etliche Radikale sind zum Äußersten bereit

Musik ist für die Szene wichtig, sie hetzt gegen Juden, Schwarze, Schwule und schafft dabei ein Gemeinschaftsgefühl. Die Botschaften sind äußerst aggressiv. "Gerade weil sie die weiße Rasse vor dem Aussterben sehen, halten sie Gewalt für gerechtfertigt. Angriffe auf andere sind demnach zulässig; eine Selbstverteidigung der Weißen", erklärt Simi. Allerdings sei die Botschaft oft mehrdeutig: Viele riefen zur Gewalt auf, distanzierten sich aber, wenn sie geschehe. In rechtsextremen Internetforen wie Stormfront.org findet sich keineswegs nur Zustimmung zu Pages Bluttat: Manche finden, ein solcher Amoklauf schade der gemeinsamen Sache.

Etliche Radikale aber sind zum Äußersten bereit. Im Frühjahr erst wurden in Florida zehn Mitglieder der milizähnlichen Skinhead-Organisation "American Front" verhaftet, weil sie zum 1. Mai einen Angriff auf Alternative geplant hatten. Die Front hatte große Mengen Waffen gehortet und trainierte regelmäßig für den "Rassenkrieg".

Laut den Gerichtsunterlagen war das Grundstück des mutmaßlichen Anführers Marcus Faella wie ein paramilitärisches Übungsgelände gestaltet: Stacheldraht, Pit-Bull-Hunde, Schützengräben, Vorräte an Munition und Lebensmitteln. Offenbar experimentierte Faella auch mit Chemikalien. Er träumte von einem "Arier-Lager", in dem sie gemeinsam leben würden und erhoffte sich von öffentlichkeitswirksamem Terror mehr Nachwuchs. Der geplante Angriff auf eine Linken-Demo scheiterte, weil die Polizei einen V-Mann eingeschleust hatte.

Die Zahlen über Terrorismus in den USA entsprechen nicht der öffentlichen Wahrnehmung. Während al-Qaida seit dem 11. September 2001 als größte Gefahr gilt, gehen die meisten Terrorfälle der vergangenen zehn Jahre von Rechtsextremisten aus oder von Gruppen, die zwar nicht in erster Linie rassistisch sind, aber die Regierung oder den Staat als solche ablehnen und ideologisch weit rechts stehen.

Nach einer Untersuchung der New America Foundation gehen nicht nur die meisten Terrorfälle von diesen beiden Fraktionen aus, sondern auch die gefährlichsten, jene also, in denen Sprengstoffe oder gar Chemiewaffen im Spiel sind. 2003 wurde der Milizionär William Krar in Texas verhaftet, er hatte eine Bombe mit Cyanid (Blausäure) gebaut, konventionelle Sprengsätze gehortet und Hunderttausende Schuss Munition.

Wut über Obamas Wahlsieg

Das Gefühl, seit dem Amtsantritt des schwarzen Präsidenten Obama und dem Beginn der Wirtschaftskrise endgültig zu den Verlierern zu gehören, könnte weiße Extremisten noch öfter zum Äußersten bewegen. Gleichzeitig haben Terrorexperten der Regierung vorgeworfen, zu viele Ressourcen aus der Verfolgung der Neonazis abgezogen zu haben.

Das FBI verteidigt sich mit dem Hinweis auf ganz andere Hürden: Skinheads wie Page könnten in ihrer Musik und auf ihren Websites so viel Hass verbreiten, wie sie wollten, denn dieses Recht sei von der Verfassung geschützt. Anders als in Deutschland steht Volksverhetzung nicht unter Strafe. Ein Aktenzeichen können die Ermittler erst dann anlegen, wenn ein Extremist einer speziellen Person mit Gewalt droht oder Gewalttaten gegen ein konkretes Ziel vorbereitet.

Im Fall des einsamen Wolfes Page hat dies offenbar niemand mitbekommen, bis er am Sonntagmorgen mit seiner neuen Pistole den Tempel betrat. Er benötigte zur Vorbereitung kein Trainingslager und keine Komplizen. In den Waffenläden des Landes ist das Arsenal für rassistische Massenmorde jederzeit verfügbar.