Gewalt:Warum so wenig über Femizide bekannt ist

Lesezeit: 2 min

Gewalt: Der Ort, an dem man sich am sichersten fühlt, ist manchmal der gefährlichste - zu Hause.

Der Ort, an dem man sich am sichersten fühlt, ist manchmal der gefährlichste - zu Hause.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

Deutschland erfasst kaum Daten zu Tötungen in Partnerschaften - dabei könnten die helfen, Frauen besser zu schützen.

Von Martina Schories und Benedict Witzenberger

Jedes Jahr veröffentlicht das Bundeskriminalamt die Zahl der Frauen, die von ihrem Partner oder früheren Partner umgebracht wurden: Im Jahr 2018 waren es 122 Frauen. Im Jahr 2017 waren es 141 Frauen. Im Jahr 2016 waren es 149 Frauen. Eigentlich sollten die Behörden möglichst viel über diese Taten wissen, um sich wiederholende Muster zu erkennen und Frauen in Zukunft besser schützen zu können. Doch Deutschland erfasst zum einen zu wenige Daten zum Thema - und verknüpft zum anderen nicht einmal die vorhanden Zahlen.

Der Bericht des Bundeskriminalamts beruht auf Daten der Landeskriminalämter, doch deren Statistiken unterscheiden sich stark voneinander, ergab eine Anfrage der Süddeutschen Zeitung an die 16 Behörden.

Manche Bundesländer erfassen gerade einmal die Zahl der Opfer und das Verhältnis zum Täter, während man etwa in Niedersachsen sogar dokumentiert, in wie vielen Fällen die Täter im Vorfeld des Mordes schon einmal wegen häuslicher Gewalt aufgefallen waren. Es scheint also machbar zu sein, diese Zahlen zu erheben - aber nicht alle machen sich die Mühe.

Ein weiterer Schwachpunkt: Teils unterscheiden sich die Definitionen von häuslicher Gewalt von Bundesland zu Bundesland, so dass die wertvollen Zahlen untereinander nicht vergleichbar und kaum zu nutzen sind. Außerdem werden in die Datenbanken zu Tötungsdelikten neben den offiziellen Angaben der Polizei keine Informationen aus Frauenhäusern oder Beratungsstellen einbezogen. Dabei könnte eine solche Verknüpfung wichtige Fragen klären: Zum Beispiel, bei welchen Stellen eine Frau vorher Hilfe gesucht hatte und warum die ihr angebotene Hilfe womöglich nicht gereicht hat.

Forscherinnen sammeln europaweit Daten

Ein europäisches Abkommen, die sogenannte Istanbul-Konvention zur Bekämpfung von häuslicher Gewalt, verpflichtet die deutschen Behörden eigentlich zu mehr und vor allem auch zu besseren Statistiken. In diesem Jahr wird die Bundesregierung nun einen langen Fragebogen zum eigenen Fortschritt ausfüllen müssen - und an vielen Stellen dürfte die Antwort lauten: "Wissen wir nicht." Zum Beispiel bei der Frage, in wie vielen Fällen die Behörden schon vor dem Mord Kenntnis von Gewalt gegen die Frau hatten. Oder in wie vielen Fällen die Frauen schon vorher in Beratungsstellen Schutz gesucht haben.

"Bisher sieht es nicht so aus, als würde sich was ändern ", sagt Monika Schröttle, die seit vielen Jahren zu Gewalt an Frauen forscht. Ein Vergleich früherer und neuerer sogenannter Dunkelfeldstudien, die allerdings auch schon einige Jahre alt sind, lege nahe, dass die Gewalttaten von Männern gegen Frauen nicht zurückgingen. Besser vergleichbare Daten könnten die Gründe aufzeigen, sagt Schröttle.

Die Soziologin hat sich deshalb mit Wissenschaftlerinnen aus 24 europäischen Ländern zum "European Observatory on Femicide" zusammengeschlossen, um eine länderübergreifende Datenbank zu Femiziden aufzubauen. Sie sammeln detaillierte Daten zu den Opfern, den Taten und ihren Geschichten. Im kommenden Jahr sollen erste Ergebnisse veröffentlicht werden.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema