Süddeutsche Zeitung

Gewalt in Syrien:Krieg der Geister-Milizen

Sie sind als "Geister" bekannt und gefürchtet: Etwa 6000 Schahiba-Milizen morden und plündern im Auftrag des syrischen Regimes. Doch auch Oppositionsgruppen agieren inzwischen offenbar immer rücksichtsloser. Die Überlebenden von Massakern schweigen - die Aufklärung der Verbrechen ist kaum möglich.

Die Angst vor Gespenstern geht um in Syriens Provinzen. "Gespenster", arabisch Schahiba, so werden die Milizen genannt, die seit Ausbruch der Revolte gegen Präsident Baschar al-Assad die Schmutzarbeit für das Regime verrichten.

Wo immer gegnerische Gruppen aktiv werden, wo die Geheimdienste verschwörerische Zirkel ausmachen, vor allem in Orten und Stadtvierteln, in denen die sunnitische Mehrheit in der Vergangenheit ihr Misstrauen gegen die herrschende Minderheit der Alawiten zu erkennen gab, verhaften die Schahiba, verschleppen sie Verdächtige, morden sie gezielt oder verüben Massaker.

Sie sollen etwa 6000 sein. Fast immer tragen sie Zivil, oft Gesichtsmasken. Sie werden unter den jungen beschäftigungslosen Männern der Vorstädte rekrutiert, von denen viele latent gewaltbereit sind und danach gieren, ihre Macht zu zeigen. In der Mehrheit, aber nicht ausschließlich, sind sie Alawiten wie der Präsident.

Plünderungen und Entführungen

Für Geld, eine Kalaschnikow und die Zusage der Straflosigkeit sind Totschläger und Sadisten auch in anderen Volksgruppen zu haben. Seit die Kassen in Damaskus leerer werden, plündern die Schahiba vermehrt und entführen gegen Lösegeld. Dass die Regierung den blutigen Spuk ihrer "Geister", die sie einst gerufen hat, noch überall und in allen Einzelheiten kontrolliert, ist zweifelhaft.

Für das Regime haben die "Geister" den Vorteil, dass sie ihre Untaten außerhalb offizieller Verantwortung verüben. Der Armee sind sie nicht unterstellt, aber sie profitieren davon, dass deren Panzer ihnen den Weg frei schießen. Ohnehin dürfte den bedrohten Herrschenden klar sein, dass sich reguläre Soldaten gegen die eigene Bevölkerung nicht unbegrenzt einsetzen lassen. Die Schahiba wiederum wissen, dass es ihnen an den Kragen geht, wenn Assad stürzt.

Laut dem Observatorium für Menschenrechte, das vom englischen Coventry aus agiert und sich auf 200 Informanten in Syrien stützt, sind seit Beginn des Aufstands im März letzten Jahres 14.100 Menschen ums Leben gekommen. Unter ihnen waren nach dem Stand vom Wochenende 9862 "Zivilisten", 3470 Soldaten der Regierung und 738 Deserteure aus der Armee. Gefallene der Aufstandsbewegung zählen als "Zivilisten".

Die Gewalt geht auch von den Rebellen aus

Erst langsam korrigiert die westliche Öffentlichkeit ihre Vorstellung, mörderische Gewalt in Syrien sei ein Monopol des Staates. Es gibt etwa 60 Gruppen von Aufständischen, von denen jede ihre eigene Miliz hat. Weil diese unabhängig operieren und es keine gemeinsame Führung gibt, sind bisher alle Versuche gescheitert, mit internationaler Hilfe eine Waffenruhe zustande zu bringen.

Zuletzt konstatierte die Washington Post: "In dem Maß, wie die Rolle und die Gewalttätigkeit der Schahiba wuchsen, traten andere Gruppen auf, um ihnen entgegenzutreten." Diese "Schahiba-artigen Milizen" bestünden aus Sunniten, der Bevölkerungsmehrheit.

Die "Geister" treten mit dem Schlachtruf auf: "Schahiba auf ewig, wir sind deine Augäpfel, Baschar". Bei sunnitischen Kampfgruppen ist immer öfter die Losung zu hören: "Die Christen nach Beirut, die Alawiten in den Sarg." Dass die schablonenhafte Vorstellung "Assad lässt Kinder töten" nur einem Teil der Wirklichkeit entspricht, dafür gibt es viele Zeugnisse.

So waren unter den Opfern des Massakers von Haula, bei dem am 25. Mai 108 Menschen getötet wurden, bekannte Sippen, die als regimetreu galten. Einige dieser grausam abgeschlachteten Familien, darunter 20 Kinder, gehörten dem Saed-Clan an, andere dem Abdur-Rasak-Clan. Sogar einige ehemalige Sunniten, die aus Opportunismus Alawiten wurden, sollen unter den Toten sein. Das deutet nicht auf Schahiba als Täter hin.

Die schweren Bombenanschläge auf Gebäude der Sicherheitsdienste in Damaskus und Aleppo, bei denen im Frühling Dutzende zu Tode kamen, wurden von der Opposition sofort als Provokationen des Regimes bezeichnet, das damit seine Gegner in Verruf bringen wolle.

Dschihadisten und Kämpfer aus den Nachbarländern

Zu diesen Attentaten hat sich inzwischen die Nusra-Front bekannt, eine Dschihad-Gruppe sunnitischer Extremisten. Im Internet veröffentlicht sie regelmäßig die Testamente ihrer Selbstmordattentäter, deren Namen alle auf syrische Herkunft hindeuten. Andere Kämpfer gegen das Regime kommen aus Saudi-Arabien, Libyen und Pakistan. Die kuwaitische Zeitung al-Kabas meldete am Wochenende, Dutzende Kuwaiter hätten sich den Aufständischen auf dem Weg über die Türkei angeschlossen.

Die gequälten Einwohner der umkämpften Orte sind durch diese Entwicklung zwischen Hammer und Amboss geraten. Sie müssen sich vor der Rache der Schahiba fürchten, wenn sie der Sympathien für die Aufständischen verdächtig werden, und sind genauso gefährdet, wenn sie erkennbar das Regime unterstützen.

Für UN-Beobachter oder die wenigen Journalisten ist es fast unmöglich, Schuldige zu identifizieren. Sie stoßen bei den Überlebenden der Massaker auf Mauern aus Angst und Schweigen. An der Pontius-Pilatus-Frage "Was ist Wahrheit" muss in Syrien jeder Ermittler scheitern.

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SZ vom 13.06.2012/joku
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