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Gewalt in Syrien:Die Gewalt geht auch von den Rebellen aus

Erst langsam korrigiert die westliche Öffentlichkeit ihre Vorstellung, mörderische Gewalt in Syrien sei ein Monopol des Staates. Es gibt etwa 60 Gruppen von Aufständischen, von denen jede ihre eigene Miliz hat. Weil diese unabhängig operieren und es keine gemeinsame Führung gibt, sind bisher alle Versuche gescheitert, mit internationaler Hilfe eine Waffenruhe zustande zu bringen.

Syrische Regierungsmilizen und Regimegegner (hier in einem Amateurvideo-Screenshot aus dem Februar 2012) liefern sich erbitterte Kämpfe - dabei gehen inzwischen beide Parteien äußerst rücksichtslos vor.

(Foto: AFP)

Zuletzt konstatierte die Washington Post: "In dem Maß, wie die Rolle und die Gewalttätigkeit der Schahiba wuchsen, traten andere Gruppen auf, um ihnen entgegenzutreten." Diese "Schahiba-artigen Milizen" bestünden aus Sunniten, der Bevölkerungsmehrheit.

Die "Geister" treten mit dem Schlachtruf auf: "Schahiba auf ewig, wir sind deine Augäpfel, Baschar". Bei sunnitischen Kampfgruppen ist immer öfter die Losung zu hören: "Die Christen nach Beirut, die Alawiten in den Sarg." Dass die schablonenhafte Vorstellung "Assad lässt Kinder töten" nur einem Teil der Wirklichkeit entspricht, dafür gibt es viele Zeugnisse.

So waren unter den Opfern des Massakers von Haula, bei dem am 25. Mai 108 Menschen getötet wurden, bekannte Sippen, die als regimetreu galten. Einige dieser grausam abgeschlachteten Familien, darunter 20 Kinder, gehörten dem Saed-Clan an, andere dem Abdur-Rasak-Clan. Sogar einige ehemalige Sunniten, die aus Opportunismus Alawiten wurden, sollen unter den Toten sein. Das deutet nicht auf Schahiba als Täter hin.

Die schweren Bombenanschläge auf Gebäude der Sicherheitsdienste in Damaskus und Aleppo, bei denen im Frühling Dutzende zu Tode kamen, wurden von der Opposition sofort als Provokationen des Regimes bezeichnet, das damit seine Gegner in Verruf bringen wolle.

Dschihadisten und Kämpfer aus den Nachbarländern

Zu diesen Attentaten hat sich inzwischen die Nusra-Front bekannt, eine Dschihad-Gruppe sunnitischer Extremisten. Im Internet veröffentlicht sie regelmäßig die Testamente ihrer Selbstmordattentäter, deren Namen alle auf syrische Herkunft hindeuten. Andere Kämpfer gegen das Regime kommen aus Saudi-Arabien, Libyen und Pakistan. Die kuwaitische Zeitung al-Kabas meldete am Wochenende, Dutzende Kuwaiter hätten sich den Aufständischen auf dem Weg über die Türkei angeschlossen.

Die gequälten Einwohner der umkämpften Orte sind durch diese Entwicklung zwischen Hammer und Amboss geraten. Sie müssen sich vor der Rache der Schahiba fürchten, wenn sie der Sympathien für die Aufständischen verdächtig werden, und sind genauso gefährdet, wenn sie erkennbar das Regime unterstützen.

Für UN-Beobachter oder die wenigen Journalisten ist es fast unmöglich, Schuldige zu identifizieren. Sie stoßen bei den Überlebenden der Massaker auf Mauern aus Angst und Schweigen. An der Pontius-Pilatus-Frage "Was ist Wahrheit" muss in Syrien jeder Ermittler scheitern.

© SZ vom 13.06.2012/joku
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