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Gewalt in Syrien:"Der Kampf ist jetzt in Damaskus"

Syrien hat erneut eine Nacht der Gewalt hinter sich: Bei Schießereien in Wohnvierteln mehrerer Städte kamen mehr als 80 Zivilisten ums Leben, viele weitere wurden verletzt. Einwohner der Hauptstadt Damaskus berichten, dass es zu den bislang schlimmsten Auseinandersetzungen seit Beginn des Konflikts kam.

Die Gewalt zwischen regierungstreuen Truppen in Syrien und Rebellen hat in der Nacht zum Sonntag erneut einen Höhepunkt erreicht. Landesweit sollen laut Menschenrechtsaktivisten 83 Zivilisten getötet worden sein. Unter 20 Toten in der südlichen Oppositionshochburg Daraa seien auch neun Frauen und drei Kinder gewesen, teilte die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit.

Truppen von Präsident Baschar al-Assad sollen demzufolge vor dem Morgengrauen ein Wohnviertel der Stadt mit Mörsern beschossen haben. Zahlreiche weitere Menschen seien verletzt worden, einige von ihnen schwer. In der zentralsyrischen Stadt Homs, ebenfalls einer Hochburg der Opposition, wurden laut der Beobachtungsstelle 29 Zivilisten getötet.

Zunehmend eskaliert die Gewalt auch in Syriens Hauptstadt Damaskus: Die ganze Nacht über waren nach Angaben von Bewohnern Schüsse und Explosionen zu hören. Es sei die bisher schlimmste Auseinandersetzung in der Hauptstadt seit Beginn des Aufstands gegen Präsident Assad vor 15 Monaten gewesen. Die Kämpfe zwischen Rebellen und Regierungstruppen in den Damaszener Vierteln Kabun und Barseh hätten bis 1.30 Uhr morgens gedauert, sagte der Bewohner und Aktivist, Maath al Schami. "Gestern war der Wendepunkt im Konflikt", sagte al Schami. "Der Kampf ist jetzt in Damaskus." Mindestens vier Menschen seien ums Leben gekommen, die Panzer hätten schließlich vor Sonnenaufgang die Viertel wieder verlassen.

Sorge über den Konflikt in Russland

Erstmals gab es am Samstag auch wieder ein Lebenszeichen libanesischer Pilger, die im Mai in Syrien entführt worden waren. In einem Video, das der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira ausstrahlte, sagten die Männer, es gehe ihnen gut. Eine syrische Rebellengruppe hatte kürzlich erklärt, die elf Pilger in ihrer Gewalt zu haben. Fünf der Geiseln sind laut den Entführern Mitglieder der Hisbollah-Miliz, deren Anführer Scheik Hassan Nasrallah Assad seine Unterstützung ausgesprochen hatte.

In Moskau wächst unterdessen die Sorge über den Konflikt in Syrien. Dennoch lehnt Russland weiterhin den militärischen Einsatz von außen ab. "Die Situation wird besorgniserregender", sagte Außenminister Sergej Lawrow. Auch nehme der Eindruck zu, dass das Land am Rande eines Bürgerkriegs stehe. Als Mitglied des UN-Sicherheitsrates werde Russland dem Einsatz von Gewalt aber nicht zustimmen, sagte er. Lawrow sprach sich für eine internationale Syrien-Konferenz aus, um die internationale Verpflichtung gegenüber dem Friedensplan des UN-Sondergesandten Kofi Annan wachzurütteln. Zu den Teilnehmern an einer derartigen Konferenz sollten neben den ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats auch die Europäische Union sowie einflussreiche Länder in der Region zählen, sagte er. Lawrow bezeichnete Einwände der USA gegen eine mögliche Teilnahme Irans als "oberflächlich".

Assad lässt seit Mitte März 2011 einen Aufstand gegen seine Führung blutig niederschlagen. Dabei wurden nach Angaben der Beobachtungsstelle bisher mehr als 13.500 Menschen getötet. Alle Bemühungen der internationalen Gemeinschaft um eine Beilegung des Konflikts liefen bislang ins Leere. Zudem streitet der Westen mit Russland und China, die traditionelle Verbündete Syriens sind, über das weitere Vorgehen gegen Assad.

© dpa/AFP/cag/woja
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