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Gewalt gegen Kinder:Theorie und Praxis nach Rousseau

Das "Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung" aus dem Jahr 2000 ist also ein Exempel dafür, dass symbolische Gesetzgebung bewusstseinsverändernde Kraft haben kann: Und so blickt man 2010 mit dem Verständnis von heute in die Verhältnisse von gestern.

Es ist stets vor und nach Rousseau

Der Paragraph 1631 BGB, der nun seit dem Jahr 2000 gewaltfreie Erziehung verlangt, hat also im Recht die Bedeutung, die in der Pädagogik Jean-Jacques Rousseaus Erziehungsroman "Emile" hatte. Damit begann, vor 250 Jahren, die gesellschaftspolitische Entdeckung der Kindheit und des Kindes. Der Junge Emile lernt nicht durch sture Belehrung und Strafe, sondern durch Spielen und Toben.

Erstmals wurde Erziehung aus der Sicht eines Kindes betrachtet, das seine eigene Art hat zu sehen, zu denken und zu empfinden. Es war dies die Anerkennung des Kindes nicht als Nutzobjekt, sondern als eigenständige Persönlichkeit - wie sie der höchsten deutschen Rechtsinstanz, dem Bundesverfassungsgericht, erst viel, viel später gelang.

Wie schwer es aber ist, eine schöne Theorie in schöne Praxis zu übersetzen, hat Rousseau selber gezeigt: Seine eigenen fünf Kinder sind nicht in den Genuss einer glücklichen Kindheit gekommen; er gab sie ins Findelhaus. Es gibt eine tiefe Kluft zwischen Rousseaus Theorie und seinem eigenen Leben. Auch viele Erzieher heute erfahren immer wieder ihr kleines oder großes Scheitern: Sie scheitern an ihren Idealen, ihren Unzulänglichkeiten oder Unsicherheiten.

Auch die besten Eltern erleben, wie in den eigenen Erziehungsbemühungen vieles durcheinander geht: dass man das Kind nicht, wie es ihm gebührt, als Subjekt behandelt - sondern immer wieder als Objekt eigener Ansprüche oder Zukunftsvorstellungen.

In jeder Kindheit, in jeder Erziehung, in jedem Kindergarten und in jeder Schule gibt es Zustände und Zeiten vor und nach Rousseau. Gut ist es, wenn die vor-rousseauschen Zustände und Zeiten nicht überhand nehmen.

© SZ vom 10.4.2010/cgn

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