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Gewalt gegen Kinder:Recht auf gewaltfreie Erziehung

Die furiose öffentliche Ächtung der Lehrer, der Patres, der Chorleiter und sonstiger Erzieher, die in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Kinder mit Rohrstöcken und Teppichklopfern geprügelt haben, dient nicht ihrer Resozialisierung; die Leute sind ja längst im Pensions- und Greisenalter.

Gewalttätiger Leistungsdruck

Diese allgemeine und nachgeholte Empörung dient letztendlich der Resozialisierung einer Gesellschaft, die sich bei diesen Prügeleien so lange wenig gedacht hat; die Empörung von heute über die Prügel von gestern ist durchaus ein wenig wohlfeil - und es ist ungerecht und falsch, die körperlichen Misshandlungen in einem Atemzug mit sexuellem Missbrauch zu nennen, der ein Verbrechen war und ist.

Körperliche Misshandlung: Vielleicht wird man in einigen Jahrzehnten mit der Empörung, mit der man heute darüber spricht, über die Missstände von 2010 reden: davon etwa, dass nicht wenige deutsche Schulen so heruntergekommen waren, als handele es sich um ein Kindergefängnis in Manila.

Im Übrigen: Ist der Leistungsdruck, der heute vielen Kindern von ihren Eltern aus der verunsicherten Mittelschicht eingepflanzt wird, nicht auch gewalttätig? An vielen Jugendlichen kann man heute die typischen Managerkrankheiten beobachten.

Ist dies die neue Form von Gewalt, die man Kindern antut? Die aktuelle Empörung über die alte, die körperliche Gewalt dient auch der moralischen Stabilisierung und Selbstvergewisserung der Gesellschaft - nicht zuletzt angesichts der Wiederkehr der altbekannt dummen Sätze, wonach "ein paar Ohrfeigen noch niemandem geschadet haben".

Der Bewusstseinswandel ist deutlich

Die aktuelle Empörung hat darüber hinaus auch die Funktion einer verspäteten Informationskampagne über das im Jahr 2000 eingeführte Verbot jeglicher Körperstrafen in der Erziehung. Als 1979 dieses Verbot in Schweden Gesetz wurde, druckte man es auf jede Milchtüte, sodass es bei jedem Essen präsent war. Es gab eine Informationskampagne sondersgleichen.

Die Einstellung der schwedischen Bevölkerung zur körperlichen Bestrafung ist heute so negativ wie in keinem anderen Land. Der Bewusstseinswandel in Deutschland, wo das Gewaltverbot bisher nicht so offensiv propagiert wurde, ist nicht so markant, aber deutlich. Jugendliche und Erwachsene sind sensibler geworden für Gewalt in der Erziehung, immer weniger Bürger halten eine Tracht Prügel noch für erlaubt.

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