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Gewalt gegen Kinder:40 Opfer am Tag

Viele Kinder werden nach wie vor Opfer von sexuellem Missbrauch. BKA-Chef Holger Münch stellt eine Statistik der Gewalt vor - die aber nur einen Teil des Problems erfassen kann.

Von Henrike Roßbach, Berlin

Seit einem halben Jahr ist Lügde nicht mehr bloß ein Städtchen in Nordrhein-Westfalen, sondern ein Fall - ein Missbrauchsfall, in dem den zwei Hauptangeklagten bisher 460 Taten an 41 Opfern zur Last gelegt werden, die sie über Jahre hinweg begangen haben sollen. Für Holger Münch ist "Lügde" noch mehr: ein Weckruf. Der Fall habe das Land "auf grausame Weise wachgerüttelt", sagte der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA) am Donnerstag in Berlin, wo er die neuesten Zahlen zu kindlichen Gewaltopfern vorstellte. Lügde zeige, dass solche Straftaten in der Mitte der Gesellschaft begangen würden. Münch betonte, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik nur die Spitze des Eisbergs offenbare: das "Hellfeld", wie Polizisten es nennen. Das "Dunkelfeld", also die unerkannten Taten, ist noch viel größer.

Davon müsse man ausgehen, sagte Münch. Wenn es um Gewalt gegen Kinder geht, stammen die Täter meist aus deren Umfeld. Das führe zwar zu hohen Aufklärungsquoten von 80 Prozent, sagte der BKA-Chef. Auf der anderen Seite aber sei das Dunkelfeld gerade bei solchen Taten besonders groß. Der Grund: Die Hemmschwelle, ein Familienmitglied anzuzeigen, ist hoch. "Wir müssen aufmerksam sein", sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker. Das gelte auch für Behörden. Schon "eine Frage mehr und eine Berichtskopie mehr" könnten einen Unterschied machen.

Initiative ´Kinder von Lügde"

Hannover, 15. Mai 2019: Die Initiative „Kinder von Lügde“ hat Kinderschuhe vor dem Landtag abgelegt. Sie fordert eine Kommission „Kinderschutz“.

(Foto: Peter Steffen/dpa)

Der Statistik nach wurden hierzulande im vergangenen Jahr 136 Mädchen und Jungen unter 14 Jahren getötet; 80 Prozent waren jünger als sechs Jahre. Im Vorjahr waren es mit 142 Fällen sogar noch mehr Todesopfer gewesen. Die häufigste Todesursache war fahrlässige Körperverletzung. Verzeichnet sind aber auch 29 ermordete Kinder und 34, die durch Totschlag ums Leben gebracht wurden. Hinzu kamen 98 Tötungsversuche; 21 mehr als ein Jahr zuvor.

Die Zahl der misshandelten Kinder ist 2018 gegenüber dem Vorjahr leicht gesunken; von 4247 auf 4180. Gut vier von zehn Opfern waren jünger als sechs Jahre. Noch höher sind die Zahlen zum sexuellen Missbrauch: 14 606 sexuelle Gewalttaten gegen Kinder wurden angezeigt, gut jedes zehnte war jünger als sechs Jahre. Die Zahlen bewegten sich auf gleichbleibendem Niveau, sagte Münch, dieses Niveau aber sei zu hoch. "Das sind 280 Kinder in der Woche oder 40 am Tag." Drei von vier Opfern seien Mädchen, selbst Säuglinge würden schon missbraucht, sagte der BKA-Präsident. 196 Kinder waren Opfer von Vergewaltigung oder sexueller Nötigung. Missbrauchsversuche sind mitgezählt, fallen aber zahlenmäßig weniger ins Gewicht als der "vollendete" Missbrauch.

Deutlich gestiegen sind Herstellung, Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie. Nach 6512 Fällen im Vorjahr waren es 2018 schon 7449. Allein die Fälle, in denen kinderpornografisches Material angefertigt wurde, stiegen um fast ein Drittel. "Hinter jedem Fall steht der Missbrauch eines Kindes", sagt Münch. Auch das sogenannte Cybergrooming nehme zu, der Versuch also, Kontakt zu Kindern über das Netz zu bekommen und sie unter anderem dazu aufzufordern, intime Fotos von sich zu machen und zu verschicken. Einmal im Internet verbreitet, seien kinderpornografische Bilder nur schwer wieder vollständig zu löschen, sagte Münch.

Der BKA-Präsident kritisierte, dass die Ermittlungsarbeit der Polizei im Bereich der Kinderpornografie durch die Regelungen zur Speicherung von Daten erheblich erschwert werde. Besonders im Blick hat Münch dabei die IP-Adressen. Das sind die Netzwerkadressen, die Computern und anderen Geräten im Netz zugewiesen werden. Sie sind für den Versand von Daten notwendig und eine Art Identifizierungsmerkmal für das jeweilige Gerät. "Die Speicherung der IP-Adresse ist ein Instrument, das uns zur Verfügung gestellt werden muss", verlangte Münch am Donnerstag. Der Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, pflichtete ihm bei. Auch er forderte eine "EU-rechtskonforme Vorratsdatenspeicherung", um über die IP-Adressen von Computern zu den Tätern zu gelangen. "Das ist oft die einzige Spur, die zu den Tätern führt." Just an diesem Donnerstag wollten auch die EU-Justizminister die Kommission in Brüssel dazu auffordern, eine Wiedereinführung der umstrittenen Vorratsdatenspeicherung zu prüfen. Der Europäische Gerichtshof hatte 2016 eine "allgemeine und unterschiedslose" Vorratsspeicherung von Daten verworfen.

Lobend äußerte Münch sich am Donnerstag über das Vorhaben des Bundesinnenministeriums, dass Ermittler die digitalen Identitäten überführter Täter auch gegen deren Willen im Darknet weiternutzen können, um andere Täter aufzuspüren. Bislang ist das nur mit der Einwilligung der gefassten Person erlaubt. Grundsätzlich mahnte der BKA-Präsident eine gute technische Ausstattung der Polizei an. Es gebe immer mehr Daten, und sie schnell genug auswerten zu können, sei der Flaschenhals der Ermittlungen.

Der Missbrauchsbeauftragte Rörig ermahnte die Länder, bei der Koordination der verschiedenen Stellen, die für den Kinderschutz verantwortlich sind, besser zu kooperieren. Zudem sollten die Landesregierungen eigene Missbrauchsbeauftragte ernennen. Die hohen Zahlen von Gewaltopfern im Kindesalter dürften nicht hingenommen werden.

© SZ vom 07.06.2019

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