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Gesunkenes Kriegsschiff:Nautischer Nazizauber

Vor 70 Jahren versenkte der Kapitän die Admiral Graf Spee vor Montevideo selbst - Hitler schäumte. Nun befürwortet Außenminister Guido Westerwelle die Bergung des Panzerschiffs.

Eines immerhin hat die Admiral Graf Spee erreicht, nämlich Adolf Hitlers Nervenkostüm nachhaltig zu erschüttern. Die Vorstellung, die das große Panzerschiff in den fernen Gewässern vor Montevideo lieferte, entsprach nicht der Vorstellung des Diktators, wie andere für ihn zu sterben hatten.

Kapitän Hans Langsdorff hatte das von den Briten gestellte und beschädigte Schiff räumen und am 17. Dezember 1939 vor der Küste sprengen lassen. Hitler überschüttete die Marineführung mit Vorwürfen.

Seit jenen Tagen ruht das Wrack im schlammigen Grund, dem Mündungsgebiet des Rio de la Plata.

Westerwelle will würdiges Gedenken

Doch das soll sich jetzt ändern. Auf seiner Südamerikareise ist Außenminister Guido Westerwelle von dem bisherigen deutschen Kurs abgerückt, der, leicht vereinfacht, so lautet: Lasst den Kahn bloß da unten, mitsamt dem schaurigen Nazizauber, der ihn umgibt.

Westerwelle kann sich ein würdiges Gedenken mitsamt einer didaktisch wertvollen Ausstellung über das Schicksal des Schiffs vorstellen.

Der umtriebige Unternehmer Alfredo Etchegaray, der das Schiff sogar einmal zur Gänze rekonstruieren wollte und eine finanzielle Beteiligung der Bundesrepublik am Bergungsprojekt verlangt, lässt derweil immer neue Funde aus dem Wasser ziehen, unter anderem den kolossalen Heckadler aus Bronze, der ein Hakenkreuz in den Krallen hält. Die Stücke lagern nun in Depots der uruguayischen Marine.

Wie stets ist das Gedenken aber keine einfache Sache. Viele Auslandsdeutsche in Uruguay, unter ihnen Mitglieder der Besatzung von 1939, haben das Schiff und seinen letzten Kampf in weltanschaulich nicht immer unproblematischen Ehren gehalten.

Die Schlachtschiffe der NS-Kriegsmarine umweht ein dunkler Mythos. Dabei wurden die meisten von den zur See überlegenen Briten zusammengeschossen.

Schrecken der Handelsschiffe

Und doch war die Admiral Graf Spee zunächst ein Sinnbild des Schreckens, der die belagerten Demokratien Westeuropas 1939 erfasste, als sie sich schlecht vorbereitet im Krieg wiederfanden.

Nur 186 Meter lang, gehörte sie zu jener Klasse von schnellen und schwer bewaffneten "Westentaschen-Schlachtschiffen", mit welchen ihre Erbauer die Größenbeschränkung durch internationale Abkommen umgangen hatten.

Die Marine schickte die Admiral Graf Spee schon Wochen vor Kriegsausbruch in den Südatlantik, wo sie dann bald zum Schrecken der Handelsschiffe wurde. Sie versenkte etliche, übrigens unter Schonung der Besatzungsmitglieder, die sie als Gefangene aufnahm.

In einer Zeit ohne Satellitenbilder und ausgefeiltes Radar konnte selbst ein solches maritimes Monstrum monatelang in der Weite der See verborgen bleiben.

In die Enge getrieben

Schlimmer noch als die versenkten Schiffe war der psychologische Schrecken, der von ihm ausging: Jederzeit konnte das unheimliche Nazi-Panzerschiff dem Fliegenden Holländer gleich auftauchen und das Feuer eröffnen.

Schließlich stöberten die drei Kreuzer Exeter, Achilles und Ajax die Spee auf und stellten sie zum Kampf.

Überzahl und geschicktes Manövrieren glichen die technische Überlegenheit des deutschen Schiffes aus. Es hatte die Exeter zwar schwer beschädigt, musste sich aber selbst in den neutralen Hafen von Montevideo zurückziehen. In die Enge getrieben wie ein Bär von einem Wolfsrudel, beschädigt und ohne genug Munition, war die Admiral Graf Spee nicht mehr zu retten.

Nach der Sprengung erschoss sich Kapitän Langsdorff in Montevideo, auf einer Reichskriegsflagge liegend. Sein "Führer" hat ihm dennoch nicht verziehen, dass der Kapitän lieber das Schiff als dessen Mannschaft geopfert hatte.

Die Briten aber feierten den ersten Triumph in einem bis dahin deprimierend verlaufenen Krieg. Ihr First Lord of the Admirality, Winston Churchill, verglich das Schicksal des Schiffs mit dem einer Schnittblume: "Schön anzusehen und doch dem Tod geweiht."