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Gesundheitsminister:"Wir befinden uns am Beginn einer Corona-Epidemie"

Jens Spahn erwartet eine deutlich stärkere Verbreitung des Virus in Deutschland.

Von Jana Stegemann, Henrike Roßbach und Matthias Kolb, Düsseldorf/Berlin

Angesichts neuer Coronavirus-Fälle in Deutschland warnt Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) davor, dass sich die Zahl der Infizierten weiter erhöhen könnte. "Wir befinden uns am Beginn einer Corona-Epidemie in Deutschland", sagte Spahn am Mittwoch in Berlin. "Die Infektionsketten sind teilweise - und das ist die neue Qualität - nicht nachzuvollziehen." Es gebe eine Vielzahl von Personen, die mit Erkrankten Kontakt gehabt hatten. Deshalb sei es fraglich, "ob unsere bisherige Strategie, das Virus einzugrenzen und Infektionsketten zu unterbrechen, weiterhin aufgeht". Das Virus war bis Mittwochabend bei vier Personen in Baden-Württemberg, fünf Menschen in Nordrhein-Westfalen (NRW) und einem Patienten in Rheinland-Pfalz neu nachgewiesen worden. Bei Letzterem handele sich um einen 41-jährigen Soldaten, der im Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz behandelt werde, teilte die Bundeswehr am Mittwoch mit.

Nach dem ersten bestätigten Coronavirus-Fall in NRW versuchte Ministerpräsident Armin Laschet die Menschen im bevölkerungsreichsten Bundesland zu beruhigen. Die Lage sei "unter Kontrolle". Es wurde ein Krisenstab eingerichtet. Der Direktor der Düsseldorfer Uniklinik, Dieter Häussinger, rechnet allerdings vorerst nicht mit einer Eindämmung. "Wir müssen davon ausgehen, dass diese Infektion sich jetzt ausbreiten wird", sagte er.

Seit dem 16. Februar soll ein 47-jähriger Mann aus NRW über Symptome wie Fieber und Husten geklagt haben. Am Rosenmontag ging er mit seiner Ehefrau, einer 46-jährigen Kindergärtnerin, in das Krankenhaus im benachbarten Erkelenz. Zuvor hatte das Paar noch Karneval gefeiert und einen Kurzurlaub in den Niederlanden gemacht. Der Mann wird derzeit isoliert im Uniklinikum Düsseldorf behandelt und befindet sich nach Angaben des Gesundheitsministeriums in einem kritischen Zustand. Der Zustand seiner Frau soll stabil sein. Die beiden Kinder des Paares seien bisher "putzfidel", sagte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) bei einer Pressekonferenz in Düsseldorf, man warte aber noch auf Testergebnisse. Einige Krankenhausmitarbeiter und Patienten, die Kontakt zu dem 47-Jährigen hatten befinden sich deswegen allerdings in häuslicher Isolierung. Der Kindergarten, in dem die 46-jährige Frau noch bis Freitag arbeitete, ist für 14 Tage geschlossen. Spahn bat die Gesundheitsminister der Länder, ihre Pandemiepläne in Kraft zu setzen, sofern noch nicht geschehen, und sich auf eine Ausbreitung des Virus vorzubereiten. Ein Treffen mit seinen Länderkollegen sei für nächsten Mittwoch vereinbart. Auch Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Rettungsdienste und Unternehmen verfügten über Pandemiepläne, die ebenfalls aktualisiert werden sollten. Das Virus beschäftigt auch die Europäische Union. Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides sagte, alle EU-Staaten seien jetzt aufgefordert, "ihre Pandemiepläne sowie die Kapazitäten ihrer Gesundheitswesen zu überprüfen".

© SZ vom 27.02.2020
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