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Gesundheit:Mund auf

Warum Ostdeutsche häufiger zum Zahnarzt gehen.

Wenn es mit den blühenden Landschaften im Osten schon nicht hingehauen hat, könnte es wenigstens mit dem strahlenden Lächeln etwas werden. So lässt sich die Auswertung verstehen, die dem kürzlich vorgestellten "Zahngesundheitsatlas" der Krankenkasse Barmer zugrunde liegt. Die Analyse der Daten von 9,4 Millionen Versicherten zeigt, dass Ostdeutsche regelmäßiger beim Zahnarzt sind als Westdeutsche. Dies gehe womöglich noch immer "auf systematische Unterschiede" in den Gesundheitssystemen der DDR und der alten Bundesrepublik und auf "eine entsprechende Sozialisierung" zurück, so die Autoren des Reports.

Spitzenreiter sind die Sachsen, von denen 77,1 Prozent der Erwachsenen im Jahr 2017 mindestens einmal beim Zahnarzt waren, gefolgt von den Bewohnern der anderen ostdeutschen Bundesländer. Die Westdeutschen sind seltener beim Zahnarzt; Schlusslicht ist das Saarland, wo im Jahr 2017 nur 65,2 Prozent einen Dentisten aufgesucht haben.

"Die Gründe für die Unterschiede kennen wir nicht", sagt Michael Walter von der TU Dresden, der an der Studie beteiligt war. Seine Erklärung klingt, als habe sich das Fachchinesisch der Dentisten in einer Zahnspange verhakt: "Möglich wären tradierte Inanspruchnahmemuster, verschiedene Präventionsaffinitäten und ein unterschiedlicher Stellenwert des Bonussystems." Heißt übersetzt: Die obrigkeitsgläubigen Ostdeutschen seien es halt gewohnt, brav ihre Termine einzuhalten. Zudem sei ihnen das Prinzip der Vorsorgeuntersuchungen vertrauter.

Vielleicht bekommen die Patienten deshalb in den neuen Bundesländern mehr Füllungen und öfter Zähne gezogen. Bei Wurzelbehandlungen und kieferorthopädischer Therapie lässt sich kein Ost-West-Unterschied feststellen.

Direkt nach der Wende hatten Ostdeutsche bessere Zähne als Westdeutsche. Durchschnittlich hatten Kinder im Osten einen Karies-Zahn weniger. Auch der Anteil der Zwölfjährigen mit kariesfreiem Gebiss war höher. Dies war auch auf die Verbreitung von Fluorid als Tabletten und im Trinkwasser zurückzuführen. Erwachsene unter 45 hatten drei Zähne mehr ohne Karies als im Westen. Andererseits war der Anteil prothetisch ersetzter Zähne im Westen 22 Prozent höher.

"Unterschiede in der Zahngesundheit zwischen Ost und West gibt es heute kaum noch", sagt Jens Türp vom Vorstand des Netzwerks Evidenzbasierte Medizin. Karies sei im ganzen Land stark zurückgegangen. Dass Menschen unterschiedlich oft zum Zahnarzt gehen, könnte schlicht finanzielle Gründe haben. "Womöglich sind die Bonussysteme der Krankenversicherer ein Grund für die Differenz; das Thema 'Geld sparen' spielt im Osten eine größere Rolle als im Westen", sagt Türp, der an der Unizahnklinik Basel arbeitet. "Man kann sich das Verhalten der Menschen in den neuen Bundesländern in diesem Punkt zum Vorbild nehmen."

Aufschlussreich ist zudem, wie oft Aufbissschienen gegen Zähneknirschen verordnet werden. Hier liegen die Stadtstaaten Berlin und Hamburg deutlich vor allen anderen Bundesländern. Bei Stress tritt das lästige Leiden häufiger auf. Der urbane Lebensstil setzt den Menschen offenbar so sehr zu, dass sie fast auf dem Zahnfleisch gehen.