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Gesundheit:Ausgaben für Arzneien so hoch wie nie

Medikamente kosteten Deutschlands Kassen 2015 beinahe 37 Milliarden Euro - ein Anstieg von vier Prozent. Besonders Krebsmedikamente sind extrem teuer.

Die gesetzlichen Krankenkassen haben noch nie so viel Geld für Arzneien ausgegeben wie im vergangenen Jahr. Die Kosten für Medikamente der Versicherten beliefen sich 2015 auf 36,9 Milliarden Euro, das sind 1,5 Milliarden Euro oder etwa vier Prozent mehr als im Jahr zuvor - trotz der gesetzlichen Preisbremsen. Das geht aus dem neuen Arzneiverordnungs-Report hervor, den das Wissenschaftliche Institut der AOK vorgestellt hat. Deutschland sei bei Arzneimitteln ein "Hochpreisland", sagte der Herausgeber des Berichts, Ulrich Schwabe. So ist der Preisindex auf der Grundlage der 250 umsatzstärksten Präparate hierzulande höher als zum Beispiel in den Niederlanden, Großbritannien, Frankreich oder Schweden.

Der Report führt den Preisanstieg vor allem auf den Einsatz patentgeschützter Medikamente zurück, die Ärzte zum Beispiel bei der Behandlung von Krebs verschreiben. In der Regel haben Pharmaunternehmen 20 Jahre lang das Patent und somit das Monopol auf eine Arznei. Der durchschnittliche Verkaufspreis in der Apotheke für solche Medikamente stieg dem Report zufolge in neun Jahren um 180 Prozent auf 369 Euro, branchenübliche Rabatte nicht mitgerechnet. Im Mittel sind patentgeschützte Medikamente damit 13-mal so teuer wie Nachahmerpräparate.

Allein 2015 stiegen die Ausgaben für patentierte Arzneien überproportional stark um fast zehn Prozent auf 14,9 Milliarden Euro. Diesen Zuwachs führen die Verfasser des Berichts auf wenige, dafür extrem teure Medikamente zurück. Als Beispiel gilt Humira, ein Mittel gegen rheumatische Erkrankungen, sowie Harvoni oder Viekirax, beides neu zugelassene Mittel gegen Hepatitis C. Humira kostete in Deutschland 76 Prozent mehr als in Großbritannien, Harvoni sei 49 Prozent teurer als in Schweden.

Krebsmedikamente sind mittlerweile die umsatzstärkste Gruppe im gesamten deutschen Arzneimittelmarkt. Sie machen zusammen fünf Milliarden Euro aus. Darunter sind ebenfalls neue, extrem kostspielige Mittel. Für eine Kombinationstherapie "können dann mehr als 100 000 Euro anfallen", sagte der Chef der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzte, Wolf-Dieter Ludwig. "Bei der Entwicklung neuer Krebstherapien steht häufig das ökonomische Interesse der pharmazeutischen Unternehmen im Vordergrund", kritisierte er. Die hohen Preise orientierten sich "nicht am Nutzen und Innovationsgrad der Arzneimittel". Bei vielen dieser Medikamente wisse man noch gar nicht genau, wie wirksam sie sind.

Die Bundesregierung wollte 2011 mit dem Arzneimittel-Neuordnungsgesetz, kurz Amnog, für die Kassen Einsparungen in Höhe von zwei Milliarden Euro jährlich durchsetzen. Bislang seien aber erst 925 Millionen Euro eingespart worden. Es werde noch drei bis vier Jahre dauern, bis die zwei Milliarden erreicht seien, auch weil das Gesetz an vielen Stellen aufgeweicht worden sei, kritisierte der Pharma-Experte Schwabe. Dem Bundesgesundheitsministerium warf er vor, das Amnog mit einer neuen Gesetzesinitiative auf Druck der Pharmaindustrie weiter demontieren zu wollen. "Die Kosten für diese Politik werden auf die Patienten abgewälzt."

© SZ vom 27.09.2016

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