Nordkorea China will Trump nicht den Vortritt lassen

Seitdem der US-Präsident vor Kurzem töricht genug war, einem Treffen mit Kim Jong-un zuzustimmen, hat sich die Lage deutlich verändert. Der mögliche Besuch der Nordkoreaner in China zeigt: Peking wird den USA nicht das Feld überlassen.

Kommentar von Christoph Giesen, Peking

Ein Zug, 21 nordkoreanische Kurswagen und jede Menge Fragen: Wer ist da nach Peking gerattert? War es Diktator Kim Jong-un höchstpersönlich? Und wenn ja, wen hat er getroffen? Im Regierungsbezirk in Peking war die Sicherheit erhöht worden, der Platz des Himmlischen Friedens abgesperrt. Und das Gästehaus der Regierung wurde scharf bewacht. Noch gibt es keine offizielle Bestätigung, dass Kim tatsächlich in Peking gewesen ist. Der Zeitpunkt aber wäre gut gewählt.

Seit Kim Jong-un vor sechs Jahren die Macht in Nordkorea übernommen hat, hat er sein Land nicht ein einziges Mal verlassen. Er giert allerdings nach internationaler Anerkennung. Zum Vater, Kim Jong-il, kamen sie alle. Putin begab sich nach Pjöngjang, beim Gegenbesuch in Moskau wurde gar der Rote Platz gesperrt, damit der alte Kim im Lenin-Mausoleum einen Kranz niederlegen konnte. Auch die chinesische Parteiführung reiste seinerzeit nach Nordkorea. Kim Jong-un besucht niemand.

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Peking

Hoher nordkoreanischer Besuch in China

Die Ankunft eines Sonderzugs und ungewöhnlich hohe Sicherheitsmaßnahmen in Peking nähren Gerüchte über einen Besuch des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un oder seiner Schwester Kim Yo-jong.

Allenfalls im Tross mit anderen Regierungschefs hätte Kim an den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs teilnehmen können. Kim aber will den Staatsbesuch, den Empfang von Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping - auf Augenhöhe.

Seitdem US-Präsident Donald Trump vor knapp drei Wochen töricht genug war, einem Treffen mit Kim zuzustimmen, hat sich die Lage deutlich verändert. China, der ökonomische Schutzpatron Nordkoreas, das Land, das für die Show in Nordkorea zahlt, schien außen vor.

Aus Pekinger Perspektive ist der Besuch - wer auch immer im Zug saß - ein Zeichen dafür, den US-Amerikanern nicht komplett das Feld zu überlassen. In der Vergangenheit hatte sich Peking zwar immer wieder dafür eingesetzt, dass Pjöngjang und Washington miteinander sprechen. Doch die Voraussetzungen waren andere: Der Mann im Weißen Haus war bislang jemand, der halbwegs rational entschieden hat. Die Chinesen mussten also nicht fürchten, dass es zu einem Treffen kommen würde, bei dem sie nicht am Tisch sitzen.

Ein Trump-Kim-Gipfel ohne chinesische Beteiligung wäre ein Albtraum für China. Entweder wird es ein Fiasko, dann steigt die Kriegsgefahr in Ostasien rapide, weil Trump kaum noch Optionen blieben, außer militärisch einzugreifen. Oder aber Kim und Trump kommen entgegen aller Erwartungen miteinander klar, dann wäre China nicht mehr im Spiel. Der Kurzbesuch in Peking sollte das wohl ändern.

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